TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
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Zeiträume dahin, in denen hier die aufeinander folgenden Generationenihre Toten beklagen und vergessen! Die Natur aber ist gefühllos gegenall diese Fülle von Klagen und Leiden, ja, sie lebt nur vom Tode derGeschöpfe.
Aber nicht nur eine Lehre, auch einen Trost bietet so ein einfacherDorffriedhof; all diese geringen Leute, die hier unter dem schlichtenHolzkreuzchen ruhen, sind jetzt ganz genau dasselbe wie jene Grossen,über deren Ruhestätte sich stolze Denkmäler erheben. Vor der ewigenGerechtigkeit ist kein Unterschied zwischen dem armen Bauern, derohne zu klagen mühselig die Erde bebaut hat, und dem mächtigenStaatsmann, der Reiche beherrscht und die Welt mit seinem Ruhmeerfüllt hat.
ln früheren Zeiten sind die Friedhöfe gewöhnlich unmittelbar umdie Kirche herum angelegt worden; daher haben sie auch die Namen«Gottesacker» und <tKirchhof t > bekommen. Heutzutage aber haben dieGrundsätze der modernen Hygiene dazu geführt, dass die Gemeinde-verwaltungen verpflichtet sind, die Friedhöfe von den Wohnstätten fernzu halten. Wenn mit dieser Einrichtung das allgemeine Wohl vielleichtgewonnen hat, so hat das Gemüt um so mehr eingebüsst. Wir habenoben auf die rührenden Erscheinungen hingewiesen, die mit dem altenBrauche, die letzte Ruhestätte der verstorbenen Dorfgenossen neben demGotteshause, inmitten der Lebenden, anzulegen, unwillkürlich verknüpftsind. Ein solcher Friedhof, der sich unmittelbar um die Kirche lagert,macht natürlich einen ganz anderen Eindruck als einer, der irgendwoan versteckter Stelle hergerichtet wird, wie wenn es sich um einenverrufenen Ort handelte, den man geheim halten will. Im ersten Fallehat man den lebhaften Eindruck eines zarten Bandes, das die Gegenwartmit der Vergangenheit, den Sohn mit dem Vater, den Enkel mit denGrosseltern verknüpft. Im andern Fall aber wird die Vorstellung wach-gerufen, dass der Tod nur ein Übel ist, dem man aus dem Wege geht,ein unerquickliches Schauspiel, dem man sich nicht gerne aussetzt,eine unangenehme Erinnerung, deren man sich baldmöglichst zu ent-ledigen sucht.
Rings um den Friedhof zog sich regelmässig eine feste Mauer, undgar manches Mal ist deshalb in vergangenen Jahrhunderten das Feld, aufdem ewige Ruhe herrschen sollte, zum Schauplatz blutiger Kämpfegeworden. Der Kirchturm konnte als Bergfried dienen, die dicke Mauer