152
TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
Strahlen des Mondes. Und inmitten des nächtlichen Schweigens, dasim Winter so ganz besonders eindrucksvoll ist, da erklingen plötzlichdie Glocken des Gotteshauses, und von Dorf zu Dorf geben sie sichAntwort, verwundert, dass man sie zu so ungewohnter Stunde aus demSchlafe reisst. Und auf einmal wird es nunmehr lebendig in dentotenstill daliegenden Häusern, hinter den Fenstern sieht man die Lampenumeinander tragen und deren Licht leuchtet plötzlich nach allenRichtungen in den tiefen Schatten der Strassen hinaus, wo mit einemSchlage zahlreiche flüchtige Gestalten auftauchen ; dicht eingewickelt undvermummt strömt alles der Kirche zu, deren hohe Fenster erglühen,wie wenn im Innern ein Brand ausgebrochen wäre, und der mitter-nächtliche Gottesdienst nimmt seinen Anfang. Vor dem Kirchgänge aberhat keine Hausfrau unterlassen, in ihrer Wohnung überall nachzuschauenund in den grossen Ofen noch ein mächtiges Holzscheit einzulegen, den •«Weihnachtsbrand», der das verlassene Zimmer schön warm erhalten soll;und alsdann hat sie sich auch noch in den Pferde- und Kuhstall begeben,um den Tieren Futter aufzulegen, denn auch sie sollen in der Christnachtvon der allgemeinen Freude nicht ausgeschlossen sein. Haben nichtsie gerade in jenem weltgeschichtlichen Augenblicke eine bedeutsameRolle gespielt ? Der Ochs und der Esel haben mit ihrem warmen Atemdas arme Jesuskind gewärmt, da es im Stalle zur Welt gekommen war.Die Frauen behaupten bestimmt, dass sie um diese Stunde beim Ein-treten in den Stall niemals die Tiere schlafend antreffen. Ja, mancheversichern sogar, dass mit dem Schlage Zwölf den Tieren die Gabe derSprache zu Teil wird, und dass sie alsbald davon reichlich Gebrauchmachen. Man erzählt sich, dass einmal ein neugieriger Mann diesemerkwürdige Unterhaltung belauschen wollte und sich deshalb unterdem Futtertrog verbarg ; am andern Morgen aber ward er tot aus seinemVersteck hervorgezogen. Das mag denen eine heilsame Lehre sein,deren Neugierde leicht geweckt wird und die gleichfalls Lust bekommenkönnten, sich von der Richtigkeit oder Unrichtigkeit jener Behauptungselbst zu überführen.
Weihnachten • giebt übrigens auch sonst zu gar mancherlei Aber-glauben Anlass. Wenn man zum Beispiel wissen möchte, welches Wetterdas nächste Jahr bringen wird, so braucht man nur zwölf Zwiebeln zunehmen, in jede derselben ein Loch zu machen, etwas Salz darein zustreuen und die Zwiebeln nebeneinander hinzulegen — sie bedeuten