TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
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naturgemäss auch die Sitte der Kunkelstube betroffen. Auch sie ist jetztziemlich ausser Gebrauch gekommen, was nur zu bedauern ist; denn dasSurren der Spinnräder zusammen mit dem Schwatzen der Frauen unddem Gesänge der Mädchen hat einen eigentümlichen Reiz gehabt, der sichdurch nichts ersetzen lässt; heutzutage wird gestrickt oder gehäkelt, —diese Arbeit ist aber etwas ganz anderes als das alte, legendenhafte« Spinnrädel».
Wie schon erwähnt, spielt bei diesen Zusammenkünften dasGeschichtenerzählen eine grosse Rolle, und zwar werden vor allem Räuber-und Gespenstergeschichten bevorzugt, die den Frauen Angst einjagenund die Phantasie der jungen Mädchen derart erregen, dass sie sichgar nicht allein nach Hause zu gehen getrauen und auf dem Heimwegsich ängstlich an ihren Begleiter stärkeren Geschlechtes anschmiegen.
Bei dem Aberglauben, den man so ziemlich überall im Volkeantrifft und der sich namentlich auch bei diesen Kunkelstuben breitmacht, handelt es sich in der Hauptsache um das «Dorftier» oder«Zotteltier», um den «wilden Jäger», um den Gespensterwagen (oderauch «Nachtwagen»), endlich um das Doggele oder Erdmännel, dassich des Nachts den Leuten, insbesondere den kleinen Kindern, auf dieBrust setzt und sie auf alle mögliche Weise quält und peinigt.
Das € Dorftier» trifft man so ziemlich in jedem Dorfe an, unterden verschiedenartigsten Formen: bald ist es eine Art Kalb von riesen-haftem Umfange, das des Nachts aus einem finsteren Winkel, -wo eszusammengekauert lag, plötzlich auf die Strasse hervorstürzt, oder aberein Hase, der sich ganz aufrecht auf die Hinterfüsse stellt und denman absolut nicht einfangen kann, oder endlich eine schwarze Katzemit flammenden Augen, die an dem verspäteten Wanderer hinauf-springt und ihn mit ihren scharfen Krallen jämmerlich zurichtet. Allediese gespensterhaften Wesen sind überaus zu fürchten. Ist mangezwungen, noch spät abends über die Strasse zu gehen, so wirdman sich jederzeit sorgfältig hüten müssen, ein Tier zu belästigen,das einem in den Weg kommt; in dem scheinbar harmlosesten Ge-schöpfe kann ja sehr leicht das «Dorftier» versteckt sein, das sicherst dann in seiner ganzen Wut zu erkennen giebt, wenn es unnötiggereizt worden ist. Am ratsamsten ist es für alle Fälle, jederzeitirgend etwas Geweihtes bei sich zu tragen.
Das «Nachtkalb», das in gewissen Nächten auf den Strassen von