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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
abschliessen, ohne zuvor noch der Kunkelstuben (Kunkel-Spinnrocken) zugedenken: regelmässige Zusammenkünfte von Frauen und Mädchen anden Winterabenden, um zu spinnen und sich zu unterhalten. Tag fürTag trifft man sich zu diesem Zwecke bald hier bald dort, nach einervon vorne herein feststehenden Reihenfolge. Wer die Kunkelstube geradebei sich hat, der sorgt für Kaffee und Branntwein, die gewöhnlich alsErfrischungen angeboten werden; jede Frau aber bringt ein Scheitholzfür den Ofen und etwas Oel für die Lampe mit, damit die Unkostendes Gastgebers nicht allzu gross werden. Nicht selten kommen auf dieseWeise zwanzig bis dreissig Personen zusammen. Dass während des Surrensder Spinnräder auch die Zungen nicht stille stehen, kann man sich leichtvorstellen. Die Männer sind eigentlich grundsätzlich von diesen Ver-sammlungen ausgeschlossen; in der Praxis wird aber dieser Grundsatznicht allzu strenge durchgeführt, und gewöhnlich fehlt es schon vondem ersten Abend an nicht an Burschen, die den Mädchen den Hofmachen wollen. Das Werg auf dem Spinnrocken ist mit grossen, seidenenBändern umwickelt; die zum Militär einberufenen Burschen des Dorfeshaben mit diesen Bändern am Tage der Ziehung ihre Hüte geschmückt,hernach aber die farbigen Bänder ihren Mädchen geschenkt. An denSpinnrocken der verheirateten Frauen sind die Bänder natürlich schonalt und vergilbt, an denen der Mädchen aber frisch und glänzend; siesind ein gutes Mittel, die Erinnerung an den weitentfernten Liebstenwachzuerhalten.
Mitten während der Sitzung giebt es eine kleine Unterbrechung;wenn das Wetter nicht allzu kalt oder schlecht ist, macht man gemeinsameinen Spaziergang, um frische Luft zu schöpfen. Nach der Rückkehr findetman auf der langen Tafel den Kaffee und Branntwein serviert, und nachdieser Erfrischung unterhält man sich mit harmlosen Spielereien odergelegentlich auch mit einem Tänzchen, zu dem ein Bursche mit derHarmonika aufspielt. Dass das letztere Vergnügen am allersehnlichstenerwartet wird, versteht sich von selbst. Mit voller Lust geben sich nun diejungen Leute bis u oder 12 Uhr diesen Belustigungen hin; alsdann machtman sich auf den Heimweg, bei dem in der finstern Nacht so mancherHändedruck und auch manch flüchtiger Kuss getauscht wird.
Auf diese Weise hat man sich in früherer Zeit ganz allgemein an denlangen Winterabenden prächtig unterhalten. Als aber die Gewohnheit,seinen eigenen Hanf zu spinnen, immer mehr abkam, wurde davon