Buch 
Trachten und Sitten im Elsass / Text von A. Laugel ; Illustrationen von Ch. Spindler
Entstehung
Seite
191
JPEG-Download
 

TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS

191

Belustigungen hin. Dieser Abend führte den Namen «Sperrnacht»,und gerade über eine solche Sperrnacht hat sich der erwähnte Pfarrerin einer Art von Tagebuch, dem er sorgfältig alle wichtigeren Vor-kommnisse und persönlichen Beobachtungen anvertraute, des Näherenausgesprochen.

«Am Donnerstag, acht Tage vor Weihnachten:» heisst es dasei man des Abends in jenen Häusern zusammengekommen, in denenman auch die vorausgehenden Abende zugebracht. Zum grösseren Teilsetzte sich die Gesellschaft aus jungen Burschen und Mädchen zu-sammen, die in gewissen näheren Beziehungen zu einander standen.Anfangs wurde nun von den Mädchen und Frauen der Form wegenein wenig gesponnen. Alsdann aber brachte man die Zeit mit Trinken,Essen und Singen zu; jeder Teilnehmer hatte irgend etwas dazu mit-gebracht. Bald ging man auch zu Liebkosungen und Spielereien rechtzweifelhafter Art über; die einen thaten sich als Possenreisser auf undunterhielten die Gesellschaft mit lächerlichen und unanständigen Panto-mimen, die anderen mit schamlosen Liedern. Ursprünglich mögendiese Zusammenkünfte ganz harmlos gewesen sein, seit langer Zeitaber sind sie zweifellos in Zuchtlosigkeit ausgeartet. Manchmal liessman sich dabei zu den verwerflichsten Ausschreitungen fortreissen. Mantanzte in unanständiger Weise, und nicht selten hatte der Schleier derNacht noch schlimmere Vorkommnisse zu verhüllen. Mit einem Worte,in dieser sogenannten Sperrnacht hat man sich auf Kosten der Sitt-lichkeit in ganz abscheulicher Weise belustigt. Gewöhnlich ging manerst spät in der Nacht nach Hause, und auch dieser späte Heimweggab zu allem möglichen Unfug Anlass . . . . »

Das Wort ccSperrnacht» bringt dieser Pfarrer damit in Verbindung,dass wir gerade um die angegebene Zeit die längste Nacht im Jahrehaben, und dass nunmehr dem weiteren Zunehmen der NachtlängeEinhalt gethan wird.

Aus den vorstehenden Aufzeichnungen geht hervor, dass dergute Pfarrer sehr schlecht auf die Freuden dieser Sperrnacht zu sprechenwar. Wenn er andererseits die von ihm selbst gegebene Erklärungdes Wortes Sperrnacht für die naturgemässeste erklärt, so müssen wirdoch bemerken, dass auch andere Erklärungsversuche gemacht wordensind, die wir gleichfalls dem Urteile des Lesers unterbreiten wollen.

So lesen wir im Jahrgange 1886 des Jahrbuches des Vogesenklubs