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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
Hagenau-Niederbronn und den Vogesen, alsdann im Sundgau, auf denden eigentlichen Vogesen vorgelagerten Hügeln, sowie an den Ein-gängen der Vogesenthäler.
Es ist nicht allzu leicht, von dem Zustande unseres Landes injener grauen Vorzeit sich ein Bild zu machen. Jedenfalls waren dietiefer liegenden Teile mit ungeheuren Waldungen bedeckt, in denensich zahlreiche Flüsse mit trägem, langsamem Lauf, weitausgedehnteSümpfe bildend, in den Rhein ergossen.
Der grosse Strom selbst wälzte sich zwischen undurchdringlichemDickicht in stürmischem Laufe dahin, der sich jeden Augenblick nacheiner zufällig neu entstandenen Sandbank richtete; er spülte grosse Baum-stämme und ganze Felsblöcke mit sich fort, aus denen er sich selbstkühne Schranken bildete, um sie mit gesteigerter Kraft wieder nieder-zureissen und seine Fluten in noch wilderen Strudeln dahinbrausenzu lassen.
Wenn man dann an den Zuflüssen des Rheines entlang wan-derte, so kam man zu einem Gebirgslande, das mit dunklen Tannenbesetzt und mit mächtigen Felsblöcken besäet war. Richer, ein Mönchvon Senones, der im 13. Jahrhundert die Chronik seines Klostersschrieb und selbst die Vogesen bewohnte, giebt folgende Schilderungvon den Waldbergen, in die sich der Abt Gundelbert zurückzog:(tDas Land ist mit Bergen gleich natürlichen Festungen besetzt, dieeinen erschrecklichen Anblick gewähren; tiefe Thäler ziehen sich zuihren Seiten hin; die Tannenwälder, die sie bedecken, sind so dicht,dass sie durch die Dunkelheit neue Schrecken einflössen.... Dieseeinsame Wüste war mehr der richtige Wohnort für wilde Tiere alsfür Menschen, und der Wanderer jener Zeit vermied sie wie einunentwirrbares Labyrinth T »
Wenn das der Anblick unserer Berge im 13. Jahrhundert war,wie musste es erst in jenen uralten Zeiten aussehen, von denen hierdie Rede ist? Zwischen den Bergesgipfeln, die das halbe Jahr inSchnee gehüllt waren, und der mit sumpfigen Waldungen bedecktenEbene erhoben sich einige unfruchtbare Hügel. Heutzutage bepflanzt,waren diese damals mit armseligen Gesträuchen bedeckt, und ihrekahle Spitze trug nur spärlichen Graswuchs. Hie und da brach eine
1 (Schöpflin.) Alsace illiistrte, Trad. Ravenez, I. p. 32.