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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
diesen Gebirgspfaden daherkommen zu sehen, die im Winter vonSchnee und Eis starren, während im Sommer glühende Sonnenhitzeauf ihnen lastet.
Die richtige Jahreszeit für den Besuch dieser merkwürdigen Dörferist der Frühling, wenn die Weissdornhecken in Blüte stehen und dieBlattknospen, kaum aufgesprungen, einen leichten grünen Schleier umdie Stämme und Zweige der Bäume legen. Da lacht die Sonneheiter herab, und ohne Ermüdung steigt man die Höhen hinan, demfröhlichen Gesang einer Amsel lauschend, die in den obersten Zweigeneiner Tanne sitzt, oder dem leisen Gemurmel einer Quelle, derenkristallklares Wasser den Weg entlang rieselt. Am Abend besondersentfaltet sich ein stimmungsvolles Bild, wenn mit einbrechender Nachtplötzlich die Fenster all dieser über den ganzen Bergabhang zerstreutenHäuschen sich erhellen; hier leuchtet eine ganze Gruppe von solchenSternchen auf, die der Phantasie reichlich Nahrung giebt, dort erglänztein einsames Licht, hie und da wandert langsam eine Laterne von demeinen zum andern Gehöfte.
Wenn im Sommer die Sonnenhitze über den Bergabhängen brütet,haben diese Leute ein schweres Dasein. Die Arbeiten sind ungemeinermüdend, insbesondere die Heuernte, die hier die Hauptsache bildet.Es ist keine Kleinigkeit, an den steilen Abhängen das Gras zu mähen,und ist dieses dann getrocknet, so muss es zu grossen Ballen zu-sammengefasst werden, die man auf dem Rücken nach Hause trägt;denn der Verkehr mit Wagen ist natürlich auf diesen Höhen auf dasäusserste beschränkt.
Die Bergdörfer haben gewöhnlich sehr grossen Gemeindebesitz, dervon den Gemeindeangehörigen unmittelbar teils zur Viehweide teilszu Getreide- oder Kartoifelbau benutzt wird. Alle zwei Jahre wirdein bestimmter Teil von diesem Grund und Boden in Anteile zerlegt,die dann unter die Bürger verlost werden. Im ersten Jahr wird nunder Boden umgebrochen und der Ginster und was sonst an Kräuternden Boden bedeckt, verbrannt, worauf man Kartoffeln pflanzt; im zweitenJahr wird Korn angebaut; alsdann bleibt der Boden wieder brach liegenund dient als Weideland. Auf diese Weise verschafft sich die Be-völkerung ihren Lebensunterhalt, indem die meisten noch ein kleinesGewerbe neben der Landwirtschaft betreiben. Gewöhnlich sind esWeber oder Holzschuhmacher, und namentlich das letztere Gewerbe