TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
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ernährt recht gut seinen Mann, da die Holzschuhe die einzige Fuss-bekleidung sind, die von den Bergbewohnern auf deutscher wie auffranzösischer Seite getragen wird. Im deutschen Sprachgebiet wirdauch niemals das Wort «Schuh» für sich allein gebraucht, sondernstets nur in den Verbindungen £ Holzschuh:» oder «Lederschuh», unddem entsprechend ist auch nur von dem cHolzschuhmacher» oder demcl Lederschühmacher» die Rede. Der Gebrauch der schweren Holzschuhemacht sich begreiflicher Weise auch in dem Gange und bei der Artund Weise, wie die Leute die Berge hinansteigen, bemerkbar: siebiegen die Kniee ein und machen sehr lange, aber regelmässige Schritte.Wenn sie nichts zu tragen haben, werden die Hände auf den Rückengelegt oder die Arme über der Brust gekreuzt; die Frauen pflegendie schweren Körbe ganz frei auf dem Kopf zu tragen.
Dank der Landwirtschaft, bei der die Viehzucht die Hauptrollespielt, und dank der erwähnten kleinen Nebengewerbe herrscht beidiesen Bauern mehr Wohlhabenheit als man annehmen möchte, wennman ihnen begegnet. Die Wohnzimmer sind gut eingerichtet undwerden sehr sauber gehalten. Der kleine Hausgarten liefert etwas frischesGemüse; damit kommt einige Abwechslung in die gewöhnliche Kost,die aus Milchspeisen und Kartoffeln besteht. Derselbe Garten liefertauch Blumen: Kapuziner, grosse Balsaminen, Sonnenblumen, sogarRosen; ganz besonderer Wert wird darauf gelegt, vor den Fensternrecht prachtvolle Geranien zu haben. Diese trifft man hier überall anund zwar vielfach in sehr schönen Exemplaren; liebevoll gepflegt,werden sie den Winter über im Keller gut eingedeckt; nicht seltensieht man hier solche Blumenstöcke in einer Grösse, die man fürgewöhnlich bei den Gärtnern nicht antrifft.
So wird also im Sommer das arbeitsvolle Leben doch einigermassenverschönert. Dagegen giebt es nichts, das es auch im Winter etwasangenehmer zu gestalten vermöchte; er ist die Zeit der langen Nächteund des langen Schlafes — nicht umsonst ist das Murmeltier einBewohner der Berge. Nur am Sonntag verlässt man das Haus, umden Gottesdienst zu besuchen; schwer genug hält es, sich einen Wegzu bahnen durch die Schneemassen, die der Wind in den einge-schnittenen Wegen zusammengeweht hat.
Freland und La Baroche bilden wohl die merkwürdigsten Bei-spiele dieser hier beschriebenen Ortschaften. Bei der letzteren zählt