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Trachten und Sitten im Elsass / Text von A. Laugel ; Illustrationen von Ch. Spindler
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268
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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS

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brauchte. Der Hanf war sozusagen das besondere Kennzeichen einessozialökonomischen Zustandes, der heutzutage vollständig der Ver-gangenheit angehört. Er erinnert uns an die einfachen alten Ver-hältnisse, da der Bauer noch keine verwickelte Buchführung nötighatte: das Geld, das man für die Ernte löste, verwahrte man ineinem Wollstrumpf, im übrigen lebte man eigentlich ganz und garvon den Erzeugnissen der eigenen Wirtschaft. Jetzt ist das allesanders geworden: der Bauer verkauft sein Getreide und kauft sichdas Brot; wird ihm das Getreide schlecht bezahlt, so muss er beimBäcker Kredit nehmen, und er weiss niemals, wie er eigentlich daranist. Ich denke deshalb nur mit Bedauern an die schöne Leinwandzurück, die der Hanf lieferte, an die rauen aber dauerhaften Hemden,an jene Tischtücher mit den breiten roten Streifen, an die Hand-tücher, die neben dem Ofen an der Wand hingen, bestickt mit denInitialen oder andern Verzierungen. Diese ganze Ausstattung hatteman selbst angefertigt, und jedes Stück hatte sozusagen seine eigeneGeschichte. Ist es vielleicht besser, statt dessen einige Meter Baum-wollzeug bei dem Händler in der Stadt oder bei einem Reisendenzu kaufen, der durch das Dorf kommt ?

Wenn oben von der früheren einfachen Geschäftsführung die Redewar, so liegt es nahe, hier auch des Kerbholzes zu gedenken, daseinstmals die ganze Buchführung des Bauern ausgemacht hat. Esbestand in der Hauptsache aus zwei ganz gleichen Holzstücken, diegenau auf einander passten und auf denen der Lieferant durch Ein-schnitte die Zahl der Gegenstände vermerkte, die er geliefert hatte.Natürlich passte diese Art der Buchführung nur für Sachen, die alleden gleichen Preis hatten: Brotlaibe zum Beispiel, die man beimBäcker holte, oder namentlich die Hufeisen, die der Hufschmiedbesorgte. Im letztem Fall ist dieses einfache und bequeme Verfahrenauch heute noch im Gebrauch. Das eine der beiden Holzstücke, diezusammen das Kerbholz ausmachen, verwahrt der Schmied, das anderesein Kunde. Wenn nun der Bauer sein Pferd beschlagen lässt, sobringt er sein Holzstück mit, der Schmied presst die beiden Stückenebeneinander in den Schraubstock und zieht über beide mit derFeile einen kräftigen Strich. Am Ende des Jahres bildet dann dieZahl dieser Einschnitte die Grundlage für die Verrechnung. In dengrossen Dörfern der Ebene hat der Schmied einige Dutzende solcher