372 Tochter.
das Suffixum er, welches eine Person, ein Subjekt be-zeichnet. Dietrich von Stade und Wachter leitendieses Wort mit vieler Wahrscheinlichkeit von zeugen,altSächsisch tügen, bei demUlphilas liulmn, ab, sodaß Tochter eigentlich eine von einer andern unmittel-bar gezeugte Person bedeuten würde. So wie manvonSohn ehemals im weiblichen Geschlechte die So h-nin vder Söhnin sagte, so scheint Tochter auch immännlichen Geschlecht fürSohn üblich gewesen zu seyn;dieser Gebrauch ist aber längst veraltet. Im Oberdeut-schen ist der Dichter, Diechter oder Tiechter nochjetzt sowohl ein Enkel, als eine Enkelin, Urtiechter,ein Urenkel und eine Urenkelin, derTiechtersmann,der Ehemann der Enkelin, die Ti echter ssrau, dieEhefrau dcsEnkels, welches mit unserem Tochter un-streitig ein und dasselbe Wort ist.
Die Tochter, in Beziehung auf die Familien-Verhältnisse und das bürgerliche Leben, und de-ren Rechte. Die Erziehung der Töchter liegt derMutter vorzugsweise ob, wenn gleich dem Vater dieAufsicht darüber eben sowohl gebührt, besonders aufdenjenigen Theil, der sich auf die Wissenschaften undKünste bezieht, in so weit die Töchter hierin ausgebil-det werden sollen, um nicht in der gebildeten Welt, inder diejenigen der gebildeten Familien auftreten, Fremd-linge zu seyn. Die ersten Grundregeln der Erziehungsind die Gottesfurcht und Tugend, weil sie zur Fröm-migkeit und guten Sitten führen. Eine sanfte Behand-lung der Töchter von Jugend auf im elterlichen Hauseführt auch wieder zur Sanftmuth, Leutseligkeit undHöflichkeit gegen Jedermann; denn eine Begegnungdurch liebreiche Worte und freundliche Geberden erwecktLiebe und Vertrauen, und wirkt vortheilhaft auf jungeGemüther, auf das jugendliche heitere Leben, macht dieseJahre der Jugend zum Paradiese, besonders bei demweiblichen Geschlechte, welches leichter dafür empfang-