Ein Blick auf die Kirchenbaukunst
dürre Urkunden und magere Chroniken belehren, wennnicht der belebende Hauch alter Kunst in das form - undleblose Gerippe Leben und Geist bringt.
Die Zeit hat uns viele Denkmahle alter Dich-tung vernichtet, andere verstümmelt und entstellt, ei-nige von sehr ungleichem Werthe erhalten, und unterdiesen manche der lebensvollsten Sittengemahlde, Sa-gen und Lieder, gerade Erzeugnifie österreichischen Bo-dens: aber ihre Sprache, Denkweise und Sitre sinduns so ferne gerückt, daß nur anhaltendes Studiumaller dieser inneren und äußeren Eigenthümlichkeitensie uns nähern können.
Unmittelbarer sprechen die Werke der Kunst zuuns, vorzüglich die Denkmahle der kirchlichen und öf-fentlichen Baukunst, die aus den Bedürfnissen, denGewohnheiten , dem Geschmacke und der geistigen Rich-'tugg eines ganzen Volkes hervorgegangen. Und schonihrer fest bestimmten Zivecke wegen, nicht so oft, wiedie Werke der Mahlerey und Skulptur, durch An-sichten und Eigenheiten des Einzelnen bestimmt undgeleitet sind. Freylich dürfen wir die Mühe nicht scheu-en , die Sprache der alten Kunstdenkmahle verstehenzu lernen. — Dazu aber scheint es nöthig, über die-Ansicht, die wir von der Kunst überhaupt haben, undüber die Grundsätze, die uns bey der folgenden Be-trachtung leiten werden , einige Worte vorauszuschicken.
Es ist allgemein bekannt, daß alle Kunst der an-tiken und der mittleren Zeit nur in Beziehung zur Re-ligion gedacht werden kann. Die alten Werke der höhe-ren Baukunst zumahl sind beynahe alle dem Gottesdien-