8 E i n Blick auf die Kirchenbaukunst
vorwärts, bis sie, je nach ihren verschiedenen Zwei-,gen, früher oder später zur völligen Reife und Höhegelangten. Die Baukunst, als die unentbehrlichstevon allen Schwestern, eilte ihnen weit voran, siestand auf ihrer größten Höhe, als die bildenden Kün-ste , nahmentlich die Mahlerey in unmündiger Kind-heit , nur langsam vorschreitend , die überliefertenGedanken und Kunstfertigkeiten zwar treu bewahrte,aber noch jenen freyen Aufschwung entbehrte, durchden sie die trefflichen Meister Italiens und der Nie-derlande vom ist. und i5. Jahrhundert ihrer Vollen-dung cntgcgenführten. — Die Baukunst des Mirrel-alters lehnt sich allerdings an die römische, in vollerAusartung ihrem Verfalle zueilende Kunst an, einBaum, der keine schmackhaften Früchte tragen konn-te, wenn nicht ein frischer und saftiger Zweig aufihm gepfropft wurde. Dieß geschah im Laufe derJahr-hunderte, nach langer Anhänglichkeit an veraltete abermißverstandene Formen. Die Kunst nahm allmähligeine ganz veränderte Richtung, und bildete sich, freyund los von fremden Banden, neue Gesetze und eintiefdurchdachtes System mit einer Sicherheit und Con-seguenz aus, die man in späterer Zeit nur darum ver-kennen konnte, weil man theils unfähig war, sie zuverstehen, theils durch die einseitige Richtung desZeitgeistes gefangen, sich nicht die Mühe gab, tieferin den Geist und das Wesen einer in der Ausübungverschwundenen Kunst einzudringen.
Weil bey dieser Ansicht die gesammte Baukunstdes Mittclalters nur als Ausartung und Verfall er-