22 Ein Blick auf die Kirchenbaukunst
dem die beyden Künste des Baues und der Bildhaue-rey fast immer vereinigt waren. Aber die blühendsteFülle des Baues sollte dem Auge nicht bloß das Schauespiel einer steineren Pflanzenwelt gewahren; mittenunter diesen Formen sollten auch Bildnisie von Heili-gen , von Stiftern der Kirche, von Ahnherrn hoher Ge-schlechter zur Erbauung und frommen Erinnerung derGemeinde aufgestellt seyn. Diese Bildwerke in demÄußern und im Innern der Kirchen auserhohten Stel-len, an Säulen und Portalen angebracht, machtennebst den Grabmählern den Vorwurf der alten Sculp-t u r aus.
Da sie aber der Baukunst so sehr untergeordnet,auch, bey den Deutschen , an das weniger günstige Ma-terial des Sandsteines gebunden, und meist an eineentfernte Höhe angewiesen war, wo sie als Verzie-rung der Pfeiler und Thürmchen nur für gerade, lang-gestreckte, dem ganzen aufwärts strebenden Baue ent-sprechende Gestalten , nie aber für eine mannigfalrigeGruppirung und Stellung Raum und Gelegenheitfand —> so konnte sich das Standbild nie zur völligenReinheit und Freyheit entwickeln, während es in dergriechischen Kunst unter viel günstigeren Umständeneine so hohe Vollendung erreichte. Das Basreliefund H a u t r e li e f (die flach und hoch erhobene Ar-beit) allein zeigt in einzelnen, nicht zu häufigen Her-vorbringungen, die Trefflichkeit alter Meister auch imFache der Bildncrey zu einer Zeit, wo die gothischeBaukunst schon auf dem Puncte stand, von ihrer al-ten Einfalt herabzusinken.