Band 
II. Jahrgang. I. Band.
Seite
28
JPEG-Download
 

28 Ein Blick auf die Kirchenbaukunst

die Flügelbilder aber mit Gemählden geschmückt waren,so daß auch hier oft eine ganze Welt geschichtlicher Bezie-hungen und religiöser Ideen dem Auge in Gold und Far-ben entgegen strahlte, lind gerade diesem Gebraucheverdanken wir fast ganz allein die köstlichen Reste alt-deutscher und niedcrrheinischer Mahlerey , die von demersten Erwachen dieser Kunst bis zur Zeit ihrer veränder-ten Richtung entstanden sind. Wer gedenkt hier nichtder Werke der Brüden van Eyk, Hemmelinks,Schoreels, Dürers und vieler anderer, die heu-te noch die kostbarsten Perlen deutscher Bildersamm-lungen bilden. Den Brauch der Kirchen und Kapellenahmten auch Privatleute darin nach, daß sie sich Haus-altare von gleicher Art verfertigen ließen.

Wie das Himmelsgewölbe sich im großen Seerind zugleich im kleinen Tropfen abspiegelt, so solltenauch, im Geiste jener unerschöpflichen Baukunst, diekleineren Behältniße und Gerälhe, deren die Kirchesich bedient, eben so gut ein Bild der Naturfülle unddes Lebens seyn, als es im Großen die erhabenen Rau-me einer gothischen Kirche sind. So nahmen auch dieKanzeln, Tabernakel, Sakramenthäuschen und Mon-stranzen die Gestalt kleiner Gebäude oder Kapellenan, in denen wieder alles lebte und blühte.

Mit reicher Fülle ausgestattet und in allen Thei-len harmonisch zusammen wirkend, blieb die gothischeBaukunst durch mehr als ein Jahrhundert Gemeingutaller damahls gebildeten Lande Europens, Deutschlands,Frankreichs, Englands, Schwedens, Spaniens und Ita-liens, in deren jedem sie sich freylich mit lokalen Ei-