l4» Italiänische Poesie
Stanzen) ist unbestritten. Aber auch der innere Charakter der ital.Poesie ist in jener äliesten Periode mit höchster Bestimmtheit aus-gesprochen. Religion ist das höchste in allem menschlichen Seyn undWirken. Hat man den religiösen Charakter einer Zeit lebendig be-griffen, so ist keine Erscheinung in derselben, deren nothwendigeBedingungen nicht enträthselt werden; jede muß als beweisende Probegelten ob man den Geist damaliger Religiosität wahrhaft begriffen hat.Besonders gilt das von der Poesie, welche ja nichts ist als die Ver-kündigen» des Verhältnisses, worin ein ganzes Zeitalter sich zuGott und der Natur findet. Wie nun die sinnliche Religion Grie-chenlands nothwendig zur Objektivität und auf das Plastische in derKunst dringen mußte, so war in dem Geiste des Christenthums, inseiner Sehnsucht nach dem übersinnlichen, die musikalische Richtungder Poesie, die Auflösung und Einigung des Universums in demGefühl nothwendig bedingt. Da nun ferner die moderne Liebe,wenn man sie in ihrem heiligsten und wahrsten Wesen erfaßt, dasKind der christlichen Religion, ihre untergeordnetere Erscheinung ist,die Anbetung des übersinnlichen, welche in dem unbewußten Gefühlder menschlichen Schwäche, auf Erden das Bild der Gottheit, dieBollendung und Einheit des Seyns im Jrrdischen sinken möchte, somußte in der. modernen Zeit, trat die Dichtkunst nicht als unmit-telbare Enthüllerin der Religion auf, wie es bei dem hochbegabtenSpanier, bei dem gottgeliebten Caldcron der Fall ist, bei Natio-nen, welche durch andere, wohl meist klimatische Verhältnisse, weni-ger tief gestimmt, weniger zum unmittelbaren Ergreifen des Gött-lichen geeignet waren, die Liebe, die untergeordnetere Anbetung desGöttlichen, Grundton und Hauptcharakter ihrer Poesie, und darum,wie die Liebe in jedem Individuum etwas durchaus Subjektives ist,jene selbst durchaus subjektiv seyn und werden. Hieraus, dünktmich, wird da.s Wesen welches die ital. Kunst in ihren frühestenZeiten annahm und in ihren höchsten Meistern am vollendetestenaussprach, begreiflich. Selbst im Boccaccio, dessen Trefflichkeit be-schränkte Kunstrichter nicht ohne Aergerniß über seine Anstößigkeitenbewundern, bleibt Liebe der stete Grundton, und die vergötterndeGluth, womit er das Angedenken seiner Fiammetta verherrlichet,hätte nie in der Brust eines griechischen Künstlers sich entzündenkönnen, dünkt mir der vollständigste Beweis, der oben, freilich nurangedeuteten, Ideen. Die vorbereitende Periode der ital. Poesie warvorüber und es erschien der göttliche Florentiner Dante Alighieri(geb. 1265). Ueber sein Leben und seine einzelnen Werke s. d. Art.Dante. Hier kann nur von seinem Verhältniß zur gesammten ital.Kunst und Litteratur die Rede seyn, und so müssen wir denn geste-hen, daß er eigentlich ganz aus ihrem Kreise herausfällt. Dennohne Vorgänger war er, ohne Nachfolger blieb er, so viel herrlicheNamen auch Italien der Nachwelt nennt. Wir meinen hiermit, ver-steht sich, nicht die Form und Darstellungsart, welche ihrer Naturnach in der äivins, Loinackin einzig seyn und bleiben mußte; wirmeinen die Eigenthümlichkeit seines Geistes. Auch sein großes Ge-dicht, an welches, wie er selbst sagt, Erde und Himmel die Hand
legte, das ihm, dem Dichter jahrelanges bleichendes Kunststudiumkostete, hat die Liebe geschaffen, aber tiefern und umfassenderenGemüthes als Petrarca ergreift er sie in ihrem ersten göttlichenUrsprünge, in ihrer höheren Bedeutung der Religion und entzückt
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