Band 
Fünfter Band. Von I bis L.
Seite
188
JPEG-Download
 

i88 - Jansen

ob der Papst, dem man das Urtheil über die Richtigkeit vorgetra-gener Glanbcnswahrheitcn noch nicht absprechen wollte, auch to > igtwäre, über den Thatbestand eines historischen Factums zu entschei-den. Alexander VII. wagte dies i 656 m einer besondern Consti»tution, worin er unumwunden bebauptct, Jansen habe die 5 Satzewirklich in dem verworfenen. Sinne, gemeint, und setzte die Ja Il-se nisten dadurch in die Alternative, entweder zu widerrufen, odersich von der römischen Kirchengcmeinschaft zu trennen. Ob nun wohlihre Protcstation gegen diese unerhörte Anmaßung des römischenHofes, wissen und bestimmen zu wollen, was ein verstorbener ^Schriftsteller sich bei Aeußerungen, die eine doppelte Auslegung zu-ließen, gedacht habe, keinen Unbefangenen befremden körnte; wurdesie doch für eine Anfechtung der Jnfallibilitat des Papstes ange-sehen, und selbst von Ludwig XIV. übel aufgenommen. Denn die-ser in Sachen der Religion von den erbitterten Jesuiten abhängige,und jede Aeußerung eines edeln Freiheitsgesühls fürchtende Despot,sing seit 1661 an, sich in diesen theologischen Streit zu mengen, unddie bei Hofe als Bußprediger und Rigoristen ohnehin verhaßtenJansenisten mit den strengsten Maasregeln zu verfolgen. Dr indeßihr Anhang unter dem französischen Clerus und den Großen desReichs zu bedeutend wurde, als daß man sie hätte zur unbedingtenUnterschrift der Bulle Alexanders VlI. zwingen können, verschaffteihnen der Vergleich Clemens IX. 1668 , worin ihnen eine bedingteUnterschrist erlaubt war, und das Mißverständniß der Höfe vonRom und Versailles über die spanischen Angelegenheiten, auf einig«Jahre Ruhe. Zwar starb 1679 ihre vornehmste Gönnerin, Anna >Herzogin von Longucville, die als vornehmstes Werkzeugder Fronde berühmte Schwester des großen Conds, und Arnauldging in demselben Jahre, um persönlichen Verfolgungen auszuwei-chen, ins Eril nach den Niederlanden, wo er jedoch bis an seinenTod (169^ der eifrigste und geachtctste Sprecher des Jansenismusblieb. Aber Jnnocenz XI. (si 1609) , ein Freund der Tugend unddes Rechts, begünstigte diese Parlei in eben dem Grade, als Lud-wig XIV. und die Jesuiten ihm entgegenwirkten. Auch machten dieJansenisten sich dieses Vorzugs und der Gunst des bessern Theilesder Gebildeten in Frankreich würdig. Daß sie den Vertrag derTheologie von hierarchischen Fesseln zu befreien, und eine genauereBekanntschaft des Volks mit der Bibel zu befördern suchten, dergedankenlosen Werkheiligkcit und dem todten Formelwesen eins ernst-liche Theilnahme des Geistes und Herzens in'den Uebungen der An-dacht, und strenge Sittlichkeit im Leben entgegenstellten, die sie nicht ,nur forderten, sondern auch durch eigne musterhafte Beispiele bewie-sen, waren nnläugbare Verdienste,' neben denen die Uebertreibungeneiner immerwährenden Bußzucht und Sclbstpcinigung, durch die sieals Schüler Augustins ihren Ernst zur Heiligung bewähren zumüssen glaubten, mindestens verzeihlicher erscheinen, als die lockernMaximen des Jesuitismus. Um so unverzeihlicher waren sie in denAugen der Jesuiten. Menschen, die tugendhafter seyn wollten alsdieser Orden, konnten, wo des Jesuiten La Chaise königlicherWeichtsohn regierte, nicht geduldet werden, und wenn es wahr ist,daß ein antijanseniftischer Priester, dem sein Bischof seine unor-dentliche Lebensart verwies, erwiederte: ,,Soll man uns denn fürJansenisten halten?" so hatte Boileau vollkommne Ursache vomgoldnen Zeitalter zu sagen: .