Janus lyr
am ersten Sonntage des Monats Mai ein großes Experiment damitgemacht; man glaubt, der Schutzheilige sey vorzüglich gut gegen daSLand gesinnt, wenn sich das Blut stark in dem Fläschchen bewegeund hellroth werde, da man hingegen aus dem Gegentheil traurigeBesorgnisse für das Wohl des Landes saßt. Daß dieses Fließen desangeblichen Bluts, mit welchem jedoch diese flüssige Substanz beigenauer Untersuchung nichts gemein hat, größtentheils von denPriestern abhänge, versteht sich wol von selbst; und es ist zu ver-muthen, daß die Bewegung und Wärme der Hände dazu beitragen;allein man muthmaßct, daß ein Theil der dazu gehörigen Kunst-griffe verloren gegangen und die Priester nicht mehr ganz Meisterihrer Rolle seyen, weil sie sich oft Stunden lang quälen müssen undvor Angst zu schreien beginnen, bevor das Blut flüssig wird.
Janus, eine uralte Gottheit der Römer, war den Griechenvöllig unbekannt und wird für prlasgischen Ursprungs erklärt. DiePelasger glaubten nämlich zwei höchste Gottheiten, unter denen siesich die Natur und ihre Befruchtung dachten. Zuweilen wurden sieals zwei verschiedene Wesen männlichen und weiblichen Geschlechts,zuweilen aber auch in einer einzigen vereint, dargestellt. Diese Gott-heit nahmen auch nun die Aboriginer von den Pelaögern au undnannten sie Janus. In ihm verehrten sie den Gott der Götter(wie ihn die saliarischen Gedichte nennen), den Regierer des Jahrsund aller menschlichen Schicksale, den Gebieter über Krieg undFrieden und der wichtigsten menschlichen Begebenheiten. Man bil-dete ihn daher mit einem Scepter in der rechten und einem Schlüsselin der linken Hand, auf einem strahlenden Throne sitzend; auchward er mit zwei Gesichtern vorgestellt, von welchen eins vorn hinund das andere rückwärts sahe. Man glaubt nämlich, Janus seymit der andern höchsten Gottheit der Urvölkcr Italiens, mit demSaturnus nämlich, in eine Person zusammengeschmolzen. Es herrsch-te nämlich die alre Sage, daß Janus und Saturn zusammen alsKönige über Latium geherrscht hätten, also zu einer und ebender-selben Zeit den Aboriginern bekannt geworden wären. Dieser Sagezufolge machte man nun den Janus zu einer historischen Person unddichtete von ihm folgende Mythe. Janus war einer der alten Kö-nige der Aboriginer oder Lateiner, und banste auf dem Janiculumeine Stadt, welche von ihm ihren Namen erhielt. Seine Gemahlinwar nach einigen die Meergöttin Benilia, nach andern seine Schwe-ster Kämest. Benilia war bei den ältesten Jtalern die Flucht; Kä-mest hingegen stellte eine wahrsagende Göttin vor. Mit einer vonbeiden zeugte Janus eine Tochter, mit Namens Cancns. Er lehrtesein Volk den Ackerbau und führte zweckmäßige Gesetze und gottes-dienstiiche Gebräuche ein. Bald erhielt er einen Gehülfen in derRegierung. Saturn von seinen Kindern vertrieben, flüchtete nachLatium, wurde von Janus gut aufgenommen und zu seinem Mit-regenten erwählt. Unter ihrer Regierung sah Latium sein goldenesZeitalter. Ein ewiger Friede beglückte es und ohne Mühe und Be-schwerde gewann jeder seinen reichlichen Unterhalt von dem freigebi-gen Boden. Ovid gibt uns die Theologie des Janus. Er warDberlhürhüter im Himmel und auf Erden; er öffnete die Himmels-pforte, um den Lag herauszulassen, und verschloß sie wieder, wanner am Abende zurückgekehrt war. Alle Arten von Ein- und Aus-gängen standen unter seinem Schutze. Stach ihm hieß die Thürjanus, und jeder unverschlossene gewölbte Durchgang, wodurch man