Jerusalem 2H
und Erzieher des damals siebenjährigen Erbprinzen (des nachmalsals Feldherr berühmt gewordenen Carl Wilhelm Ferdinand) er-nannt wurde, welche ehrenvolle Stelle er im I. 1742 wirklich an-trat. In einer Unterredung mit dem Herzoge über Schulwesenund Verbesserung desselben äußerte er einstens seine Gedanken überdie Anlegung eines Instituts, welches die bisherige Lücke zwischenden Schulen und Academien ausfüllen, und jungen Leuten, die nichtzum eigentlichen Studiren, sondern sür den Muitairstand, den tos,oder ein unabhängiges Privatleben bestimmt wären, die ihnen nö-thige Unterweisung und Sittenbildung verschaffen könnte, iiöer Her-zog fand seine Ideen so interessant, daß er die Ausführung dessel-ben beschloß. Und so entstand, nach einem von Jerusalem entwor-fenen Plane, das nachmals so berühmt gewordene Collegium Ca-rolinum zu Braunschwcig, welches sich nicht allein durch die muster-hafte Bildung ron Jünglingen aus allen Rationen ausgezeichnethat, sondern auch durch seine Lehrer, einen Jerusalem, Ebert, GärtnerSchmidt, Eschenburg und andern, welche sich späterhin sämmtlichals die ersten Gelehrten und Literatoren Deutschlands gezeigt ha-ben, berühmt geworden ist. Auf diese Weise ward jenes Collegiumin Deutschland sowol, als im Auslande, zu dem ersten Instituteder Art, welchem die meisten übrigen Anstalren, die späterhin inDeutschland errichtet worden sind, ihre Entstehung zu verdankenhaben. Außer dem Collegium Carolinum hat die Stadt Braun-schweig Jerusalem noch die Gründung seines Armenwesens zu ver-danken. Nach und nach ward er nun von dem dankbaren Herzogezum Probst der Klöster St. Crucis und Aegidii, im I. 1749 zumAbt von Marienthal, und endlich 1782 zum Abt des Klosters Rid-dagshausen, in der Nähe von Braunschweig ernannt. Den Rufeines Kanzlers der Universität zu Göttingen glaubte der, an dasWraunschweigsche Haus eng verknüpfte Jerusalem ablehnen zu müs-sen, und ward dafür 1771 zum Vicepräsidenten des Consistoriumszu Wolfenbüttel ernannt. Dieser vortreffliche, durch unerschütter-liche Herzensgüter, wie durch eminente Gelehrsamkeit gleich sehrausgezeichnete, Mann, dessen Andenken noch jetzt die Einwohnervon Braunschweig segnen, hätte verdient, auch in seiner Familieohne Kummer zu leben. Doch hatte das Schicksal es anders be-schlossen: noch am Abend seines Lebens sollte er das Unglück er-leben, daß sein innigst geliebter Sohn, der zu Wetzlar die Rechteausübte, sich in einer melancholischen Stunde durch einen Pistolen-schuß des Lebens beraubte. Dieses traurige Ereigniß gab Göthenden Grundstoff zu seinen Leiben des jungen Werther.Nachdem er sich darauf von diesen und andern harten Schicksals-schlägen mit männlichem Muthe emporgerichtet und seinem ausge-breiteten Wirkungskreise die gewohnte Thätigkeit nach wie vorgewidmet hatte, entschlummerte er am 2. Scpt. 1789 im achtzig-sten Jahre seines Lebens mit Heiterkeit und ruhiger Hingebung.Jerusalem stand als Theolog, Denker und Gelehrter unter seinenZeitgenossen aus einer Stufe, die nur Wenige erreichen: nicht min-der groß war er jedoch von Seiten seines Herzens und Charakters.Noch jetzt dient sein Name den Braunschweigern zu einem Begriffe,durch den ein Mann von vortrefflichem Herzen bezeichnet werden soll.Zu seinen vorzüglichsten Schriften gehören: Predigt-Lammlungen,s Theile. Brschweig, 1788—»789; Betrachtungen über die vor-