Band 
Fünfter Band. Von I bis L.
Seite
316
JPEG-Download
 

zi6 Kant

Denken abzuziehen und zu beruhigen. Schöne Künste hatte er nü die ,geübt, und liebte sie auch nicht besonders. Es war vielmehr, als trewäre er lauter reine Vernunft, oder (vielmehr) tiefer Verstand, Noneben welchem man selten ein so gränzenloses Gedächtniß antreffen durstwird, als Kant besaß. Seine Vorlesungen wurden auch dadurch Dieäußerst interessant und lehrreich. Er las den größten Theil det zielVormittags; Nachmittags selten, und ließ sich zwischen jeder Vor- und

lesung zwanzig Minuten Zeit für die folgende. Logik und Mete- Mc«

Physik las er gewöhnlich öffentlich: dann noch abwechselnd Natur- ken

recht, Moral, Anthropologie, Physik und physische Geographie. Letz- mit

leres waren besonders angenehme und lehrreiche Vorlesungen für ist

junge Leute, durch die unermeßliche Bclesenheit in Geschichte, M Z„ l

sebeschreibungen, Biographieen, Romanen und in allen Fächer», Zuc>

die nur je Materialien zur Bereicherung oder Erläuterung für je« Vor

Wissenschaften liefern konnten. Sein Gedächtniß zeigte sich dabei psisi

in voller Starke, denn obgleich er die Hefte vor sich liegen hatte, Er

sah er doch selten hinein, und sagte oft ganze Reihen von Name» Vc,

und Jahreszahlen frei aus dem Kopfe her. Auch war er unermii- mö<

det im Nachtragen alles dessen, was seine ununterbrochene Lectüre und

ihm neues gewährte, wovon man sitz auch aus seinen gedruckte» terHeften überzeugen kann. Aber auch seine Vorlesungen über ab- von

stracke Philosophie erhielten durch jenen Schatz von Erläuterung«» hie,und Beispielen, die sein Gedächtniß darbot, große Klarheit und undDeutlichkeit, und seine Schriften sind vielen wohl immer dadurch (d.

so lange dunkel und schwierig geblieben, weil er den besten pM >»e!

sophischen Schriften zu viel zutraute, als daß er jene hinzuzufügen ler

für nöthig hätte erachten sollen. Was aber sein innerste- West« unausspricht, seine Philosophie, oder vielmehr die philosophische! dieMethode, welche er übte und durch fin Beispiel empfahl, so wer- das

Len die folgenden Gcundzüge derselben zu unserm Z oecke hinreichend ! Ln

seyn. In der Periode, welche Kant's pk-losophischen Untersuch»»- dun

gen kurz vorausging, hatte ein schiaff-r Eklekticismus die Herrschaft gen

erreicht, welcher sich mehr mt Bearbeitung einzelner abgerissene«! wrl

Theile, als mit dem Ganzen der Philosophie und ihren Prinzipien! den

beschäftigte, und auf den noch nicht begründeten Stoff der philoso- ke.u

phischen Erkenntniß, voll Zuversicht des Gelingens, die demonstrative sie,

Methode der Mathematik anzuwenden suchte. Die Blößen dieser sin

Dogmatismus, wie aller dogmatischen Vcrirrungen der frühere» sist

Aeic mit scharfem Auge entdeckend, und durch Hume's feinen Scep- ^ tis

ticismus angeregt, wollte Kant den Grund des Miolingens all«« J d

bisherigen Metaphysik den denkenden Köpfen seiner Zeit enthüllen, star

den philosophischen Schein entdecken, und den Weg anzeigen, an ged>

welchem der philosophische Forscher gehen müsse, wenn er sich nicht sche

über die Gränzen der Erkenntniß verlieren, und damit zugleich der reti

Wahrheit verlustig werden wolle. Er führte daher mit äußerster höh

Gründlichkeit und eminentem Scharfsinn die philosophische Unter- stre

suchung bis auf ihre eigentlichen Anfangspuncte zurück, weil da- ncn

durch allein wahre Wisse nschaftlichkeit gewonnen werden es

könne, indem er vor allen die Frage auswarf: Was kann >>? wir

erkennen? und was ist es, das ich ur sprü nglich weitz^ lieg

Die Beantwortung dieser Fragen führten ihn zu einer Kritik un» LeiUntersuchung der Grundüberzeugungen des menschlichen Erkenntnis- ve»Vermögens, oder wie er sie selbst nannte und ansah, zu einer Kn- nnntik d«r reinen Vernunst, (wobei vorausgesetzt wurde, «ai hab