Band 
Fünfter Band. Von I bis L.
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z6o Kirchenmusik

Kirche war es, die besonders Musiker und Maler für ihre Kunstbegeisterte und sie zur Ausübung derselben anfeuerte. Der Ueber:gang von dem, was bei der Entstehung des Christenthums nochvon der alten sogenannten griechischen Musik übrig war, zu dmersten Anfange der neuern Musik war sehr natürlich: die Christe» .nahmen nämlich, als es ihnen gestattet wurde, Kirchen zu baue», !dasjenige, was sie noch von der theoretischen Musik vorfände»,und.legten diesem ihre Psalmen und Hymnen unter, welche nunohne Zeitmaß und Rhythmus (eine nach der Länge oder Kürze derSylben angemessene Eintheilung der Töne) abgesungen wurden.Hieraus entstand endlich der Choral, und in ihm finden wir denUrsprung der ganzen neuern Musik. Er wurde anfangs, wie dajnatürlich war, einstimmig gesungen und zwar im Einklänge undin Oktaven, so wie das meistentheils auch noch jetzt in unsern lu-therischen Kirchen der Fall ist. Es dauerte aber nicht lange, s«fing'man an, das Unangenehme eines Gesanges zu fühlen, in wel-mem die Stimmen beständig Oktaven gegen einander machten, odman gleich das Widrige desselben durch die Einführung der Or-geln in etwas gemildert hatte. Endlich fiel man darauf, diesemGesänge eine einfache, aus keinen Sprüngen bestehende Grundlagezu geben, : damit er einerseits der Oberstimme zur Stütze diene»,andrerseits aber auch dieselbe in seiner freien Betvegung nichthindern möge. Oberstimme und Baß waren nun vorhanden; dochmerkte man bald, daß die Entfernung beider von einander nocheinen Awischenraum übrig lasse, dessen Leere, wenn sie nicht eben:falls eine unangenehme Wirkung hervorbringen sollte, nothwendigausgefüllt werden mußte. Dieß verursachte die Erfindung der bei:den Mittelstimmen, wodurch nun der vierstimmige Gesang vollen-det wurde. Die Hauptstimme, d. h. die eigentliche Melodie, i»welcher der Choral enthalten war, hieß von nun an conto kirma(franz. plein cllont, der feststehende Gesang), weil er niemals ver-ändert wurde, dahingegen man die drei untern Stimmen, nach Be-finden der Umstände, und so wie man Lust dazu hatte, sehr oftveränderte: denn jede Hauptstimme kann eine unendliche Ma»-nichfaltigkeit in den begleitenden Stimmen vertragen. Hierbei istnur zu bemerken, daß die Oberstimme, oder der conto kirino, dannund wann auch in die Unterstimmen verlegt wurde, ja, daß die altenLehrer der Musik die Unterlegung des conto Lrino in die UnterstimnMsogar als Gesetz vorschrieben. Bald fing man auch an, die ursprünglicheEinfachheit dreses Choralgesanges für zu beschränkt zuhalten, undstwurden theils diese Melodiken selbst, theils auch ihre Unterstiin-men vielfach erweitert, verändert und mit neuen Ausschmückungenversehen, woraus der sogenannte sigurirte Gesang entstand, dernun späterhin durch den Mißbrauch, der mit denselben getriebenwurde, ausartete, daß wir jetzt oft den Kirchenstyl von dem Opern-style nicht mehr zu unterscheiden vermögen. In diesem Zustandeblieb die Kirchenmusik eine lange Zeit, bis man endlich, geleit«von dem natürlichen Triebe der menschlichen Natur zu immerwäh-render Abwechselung, auf den Gedanken verfiel, den bloß vonMen-schenstlmmen gesungenen und allein von der Orgel begleiteten Chu-ral auch von andern musikalischen Instrumenten, die nach und naä>erfunden waren, begleiten zu lassen. Hiermit war der Erweite-rung der Kirchenmusik ein weites Feld eröffnet: denn der Gesanlselbst ward, um demselben mehr Mannichfaltigkeit zu geben, ein-