Band 
Fünfter Band. Von I bis L.
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Kleist (Heinrich von) Z75

die Rede ist, «» es vielmehr wild hergeht, und das sanft Beruhi-gende minder anschaulich hervortritt. Wenn nun so das Ganz«nicht durchaus freundlich anziehen und sanft halten möchte, so reißtes doch durch gewaltige, glühende Leidenschaftlichkeit, durch Kühnheitdes Ganges, durch große Zeichnung der Hauptfiguren, durch dieherrlichsten, mit tiefer Liebe ausgebildeten Einzelnheitcn, mächtighin, und beurkundet eine Währung, nach deren Beendigung wol einlauterer Heller Dichtertrank zu erwarten war. Denn eine Kraft,wie diese, braucht, wie alles, zur Schönheit zu reifen, Zeit undGlück. — Auch für das Lustspiel zeigte Kleist einen ungemeinenSinn. Der zerbrochene Krug, wenn er auch unsern für dasKomische nicht empfänglichen Zeiten nicht zusagen sollte, enthält docheinen Schatz von Laune und Witz. Die Hauptperson, der spitzbü-bische , faunische, gefoppte Dorsrichter Adam, ist so humoristisch er-funden, als ausgeführt. Die in einer gerichtlichen, durch die Per-sönlichkeit des Richters albernen Uiktcrsuchung, hier allmählig sichentwickelnde Intrigue ist reich und ziemlich verstrickt; die Situa-tionen so treffend und schlagend, daß sich an ihnen die Galgenangstund die gcsammte Nichtswürdigkeit des Galgenschwengels herrlichentwickelt. Alles ist scharf und keck gezeichnet, uud greift rasch ineinander. Manchen üppigen Sproß des Humors möchte man dochnicht wegwünschen; denn jeder offenbart des Dichters übersprudeln-den, regen, frischen Geist. Daß das Ganze im Kleinen und Gemei-nen sich bewegt, wird wol niemand tadeln, wer überlegt, das dasKomische überhaupt das Widerspiel des Schönen ist. Darum ist dieScene auch absichtlich in die Riederlqnde verlegt, obwol das Dramaselbst viele niederländische Gemälde an geistreicher Ausführung über-bieten möchte. — Amphitryon, die bekannte Mythe, ist vonKleist mit gutmüthiger Treue dem molierischen Lustspiele nachgebil-det; nur ist einerseits der lockere französische Frevel verwischt, an-dererseits Jupiter und Alrmene edler und zarter gehalten. Die Auf-tritte zwischen beiden sind nicht nur von schönerem Sinn und tie-ferer Deutung, sondern, wie dieß nothwendige Folge war, hebensie auch die Gestalten weit mehr hervor. Besonders gilt dieß vonder fünften Scene des zweiten Acts, die ein Muster von Darstel-lung der Würde, der zartesten Innigkeit, des liebevollsten Geheim-nisses ist. Die ganze liebliche Verworrenheit und Verirrung derLiebe, ihre selige, trunkene Vermeffenheit und Ueberschwenglichkeit,die hier aus Jupiters herablassender Doppelsinnigkeit entsteht, sindhier unnachahmlich mit dem weichsten Spiele der Gedanken, in demschönsten Rhythmus der Gefühle wahrhaft magisch wiedergegeben.Trefflich hebt sich Alkmenens weibliche Treue hervor, die, ihr unbe-wußt, um eines Gottes willen gebrochen, doch wiederum menschli-cher Treuebruch gegen den Gott wird, den des Weibes befangenerSinn nicht erfassen kann, den Abgötterei kränkt, weil - gern sichmnig von ihr angebetet fühlen möchte, der nur herabtum, sie zuzwingen, ihn zu denken, der selbst geliebt seyn will, nicht als Men-schenwahn von ihr. Moliere ist dagegen roh und flach. Eben sorst das Ende bei Kleist weit milder, malerischer und einfacher. DasGanze beurkundet einen zu heiligem, innigem Ernst, wie zu leichtem,geistreichem Scherz gleich ausgelegten und mit Liebe sich hinneigen-den Geist. — Nach diesem kurzen Ueberblicke der dramatischen Er-zeugn.ffe Kleists, ist wol zu sagen, daß in ihm ein vorzüglicher dra-matischer Genius sich unserm schlaffen, und in trüber, mit moralischen