Band 
Fünfter Band. Von I bis L.
Seite
377
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Klinger Z77

von überspannten Idealen zurück, «bracht und ihn in Gesinnungend-r wirklichen Welt genähert: das bürgerliche Leben mäste jedenlehren, daß Einfachheit, Ordnung und Wahrheit die Zauberruthe»wären, mit denen man an das Herz anschlagen müsse, wenn es er-tönen solle. Wie sehr macht uns ein solches Geständniß bedauern,nicht mehr von dem Leben dieses Mannes zu wissen! Zum Glückhat Göthe, sein Landsmann und Jugendfreund, uns in den Standgesetzt, den Mangel einigermaßen zu ersetzen. „Klingers Aeußeres,sagt er, war sehr vorthcilhast. Die Natur hatte ihm eine große,schlanke, wohlgebaute Gestalt und eine regelmäßige Gestchtsbildunggegeben; er hielt auf seine Person, trug sich nett. Sein Betragenwar weder zuvorkommend noch abstoßend, und, wenn es nicht in-nerlich stürmte, gemäßigt. Er empfahl sich durch eine reine Ge-müthlichkeit, und ein unverkennbar entschiedener Charakter erwarbihm Zutrauen. Auf ein ernstes Wesen war er von Jugend auf hin-gewiesen; er, nebst einer eben so schönen und wackern Schwester,hatten für eine Mutter zu sorgen, die, als Wittwe, solcher Kinderbedurfte, um sich aufrecht zu erhalten. Alles was an ihm war,hatte er sich selbst verschafft und geschaffen, so daß man ihm einenZug von stolzer Unabhängigkeit, der durch sein Betragen durchging,nicht verargte. Entschiedene natürliche Anlagen, leichte Fassungs-kraft, vortreffliches Gedächtniß, Sprachengabe besaß er in hohemGrade; aber alles schien er weniger zu achten als die Festigkeit undBeharrlichkeit, die sich ihm, gleichfalls angeboren, durch Umständevöllig bestärigt hatten. Einem solchen Jüngling mußten Rouffeau'üWerke vorzüglich zusagen. Emil war sein Haupt- und Grundbuch,und jene Gesinnungen fruchteten um io mehr bei ihm, als sie überdie ganze gebildete Welt allgemeine Wirkung ausübten, ja bei ihmmehr als bei andern. Denn auch er war ein Kind der Natur, auch«r hatte von unten auf angefangen; das was andere wegwerfensollten, hatte er nie besessen; Verhältnisse, aus welchen sie sich ret-ten sollten, hatten ihn nie beengt: und so kmnte er für einen derreinsten Jünger jenes Naturevangeliums angesehen werden, und inBetracht seines ernsten Bestrebens, seines Betragens als Menschund Sohn, recht wohl ausrufen: alles ist gut, wie es aus denHänden der Natur kommt! Aber auch der Nachsatz: aller verschlim-mert sich unter den Händen der Menschen! drängte ihm eine wider-wärtige Erfahrung aus. Er hatte nicht mit sich selbst, aber außersich mit der Welt des Herkommens zu kämpfen, von deren Fesselnder Bürger von Gens uns zu erlösen gedachte. Weil nun in desJünglings Lage, dieser Kamps oft schwer und sauer ward, so fühlte«r sich gewaltsamer in sich zurückgetrieben, als daß er durchaus zueiner frohen und freudigen Ausbildung hätte gelangen können: viel-mehr mußte er sich durchstürmen, durchdrängen; daher sich ein bit-terer Zug in sein Wesen schlich, den er in der Folge zum Theil ge-hegt und genährt, mehr aber bekämpft und besiegt hat. In seinenProductionen zeigt sich ein strenger Verstand, ein biederer Sinn,«rne rege Einbildungskraft, eine glückliche Beobachtung der mensch-llche» Mannichfaltigkeit, und eine charakteristische Nachbildung deraenerischen Unterschiede. Seine Mädchen und Knaben sind frei undlreblich, seine Jünglinge glühen;, seine Männer schlicht und ver-ständig, die Figuren, die er ungünstig darstellt, nicht zu sehr über-trieben, ihm fehlt es nicht an Heiterkeit und guter Laune, Witzund glücklichen Einfällen; Allegorieen und Symbole stehen ihm zu