Band 
Fünfter Band. Von I bis L.
Seite
433
JPEG-Download
 

Kotzebue

433

Kotzebue und Merkel machten nun Partei gegen Göthe und dessenAnhänger, namentlich die Brüder Schlegel; und da Spazier, alsdamaliger Redacteur der Zeitung für die elegante Welt, Partei fürdiese genommen hatte, so gab es gar bald einen hartnäckigen Zei-tungskrieg zur nicht geringen Belustigung des parteilosen Publicums.Eine ernstere Folge jener Irrungen zwischen Kotzebue und Göthewar die Verlegung der jenaischen Literaturzcitung nach Halle undder Verfall der Universität Jena, die seitdem nie wieder, wie diedort neu entstandene Literaturzeitung, zu ihrer vorigen Blüthe ge-langt ist. Die Folgen davon dürften vielleicht wichtiger seyn, alsManchem auf dem ersten Anblick scheinen mag; sie anzugeben, würdemich aber aber hier zu weit fähren. Eben so wenig will ich hierentscheiden, auf welcher Seite in jener literarischen Fehde das grö-ßere Recht war; gewiß ist, daß Kotzebue meist die Lacher auf seinerSeite hatte, und die größere Menge für sich gewinnen mußte, weiler als Verfechter des gesunden Menschenverstandes erschien. Götheselbst hat sich nie in diesen Streit gemischt, man müßte denn einigeWinke in seinen Anmerkungen zu Rameau's Reffen von Diderot hie-her rechnen, die auf eine würdige Weise gegeben sind. Unnöthigwar indeß der Streit im Ganzen eben so wenig, als er nicht ohnegute Folgen geblieben ist, besonders seitdem die Zeit beide Parteienbesänftigt und gemäßigt hat. Kotzebucn gelang es übrigens in Ber-lin, sich die Gnade des Königshauses zu erwerben, durch welcheihm ein Kanonikat verliehen wurde. Außer mehreren größeren dra-matischen Werken gab er in dieser Zeit in seinem Almanach dra-matischer Spiele eine schätzbare Sammlung kleinerer Dramenheraus, die besonders den Liebhabertheatern sehr erwünscht war.Seine Erinnerungen aus Paris, so wie die aus Romund Neapel (wohin er in den Jahren igoZ u. 1804 gereiset war)enthalten einiges Gute, mehreres Angenehme, viel Flüchtiges undmanches Falsche. Mit größerem Fleiße ging er ans Studium derGeschichte. Er hätte sich entschlossen, der Geschichtschreiber Preußenszu werden, und begab sich zu diesem Behufe im I. i 8 o 5 nach Kö-nigsberg, wo ihm der Gebrauch des Archivs verstattet war, welchesihn eine geraume Zeit beschäfftigte. Mehrere Jahre darauf lieferteer Preußens ältere Geschichte (4 Theile, Riga 1809), einWerk, das zwar kein historisches Kunstwerk des ersten Ranges ist,aber unter den guten historischen Werken mit Recht genannt zuwerden verdient. Das für die preußische Monarchie so unglücklicheJahr 1806 vertrieb ihn aus Preußen und er flüchtete seine Freimü-thigkeit vor den französischen Kriegsgerichten nach Rußland, wo erseitdem nie aufgehört hat, die Franzosen gnd ihren Kaiser mit allenWaffen, die dem witzigen Schriftsteller zu Gebote stehen, zu be-kämpfen. Die französische Regierung behauptete deshalb, er steherm englischen Solde; das deutsche Publicum griff um so begierigernach seinen consiscirtcn Blättern, je weniger in Deutschland vor dergeheimen französischen Polizei ein freies oder gar kühnes Wort ver-rautbaren konnte. Da nun unter solchen Umständen seine politischenAeußerungen die Aufmerksamkeit in einem höheren Grad/ erregt hat-so schien er -ei der großen Wendung der politischen Angelegen-Y-iten Europa's tm J. a 8>3 ganz derMann, um die für die Franzö-sin so ungünstige Stimmung der Völker zu unterhalten. ZumStaatsrath erhoben folgte er dem russischen Hauptquartier, undgab in Berlin ein deutsches Bolksblatt heraus. SonderbarAonv, Lex. (N. Aufi.) V 28