Kritik 459
nen Gegenstand als gegeben voraus; als gründliche Beurtheilungund Beurtheilungskunst aber auch eine Theorie, durch welche dieIdee eines Gegenstandes entwickelt wird, denn die vollkommensteBeurtheilung kann nur aus wissenschaftlich klarer Einsicht in dasWesen eines Gegenstandes entspringen. Daher setzt also z. B. eineKunstkritik eine Aesthetik voraus, und ohne eine solche Theorie istdie Beurtheilung nur ein fragmentarisches, und deshalb unsicheresRaisonnement, keine Kritik. Vorzüglich aber in Beziehung aufdas Freie und Willkürliche, weniger in Beziehung, auf das Noth-wendige in der Natur findet Beurtheilung des Zweckmäßigen (ei-gentliche Kritik) statt. So verschiedene Arten freier-Thätigkeit esnun giebt, so verschieden ist die Kritik ihrem Gegenstände, nach ;besonders aber bezieht sie sich auf die höchsten Gegenstände mensch-licher Thätigkeit, Wissenschaft und Kunst un wettern Sinne. InBeziehung auf die erstere ist sie philosophische oder historische Kri-tik. Der erstere Ausdruck hat verschiedene Bedeutungen. Philo-sophische Kritik im weitesten Sinne kann seyn eine wissenschaft-liche, durchgeführte, nur die Idee eines Gegenstandes und ihr Ver-hältniß zur Darstellung betrachtende Kritik, dahingegen die histo-rische eine solche, welche nur das Aeußerliche eines Gegenstandesoder Werks und seine Beziehung auf Zeit und Raum, so wie dasdaraus entspringende Verständniß desselben betrifft. So ist z. B.die ästhetische Kritik einer Antike (und dieses soll ja eins philoso-phische seyn) von der technischen und antiquarischen Kritik dersel-ben verschieden, obgleich diese mrt jener wie Form und Gehalt,innig verbunden, ja eine ohne die andere nicht möglich ist. Dannbedeutet philosophische Kritik die Kritik philosophischer Werke,welche auf die Haupterfordernisse der logischen und materiellenWahrheit gerichtet ist. Endlich gaben Kant und feine Schüler demNamen Kritik noch eine ungewöhnliche Bedeutung dadurch, daß sieihn auf die Prüfung des Erkenntnißvermsgcns, oder die Unter-suchung dessen, was dem Menschen zu erkennen nützlich sey, bezogen.Auch unterscheidet man in der Philosophie die kritische Methode,(den Kriticismus) von der dogmatischen (s. d. Art.) und von denskeptischen. Vergl. darüber die Art. Philosophie, Methode, Kan-tische Philosophie. Die historische Kritik bezieht sich auf die Wirk-lichkeit äußerer Thatsachen und ihre durch Erfahrung erkennbareBeschaffenheit, und ist die Untersuchung der Uechtheit (Authentici-tät) gewisser (besonders schriftlicher) Zeugnisse. Sie ist wiederumso verschieden als die historischen Wissenschaften (s. d. Art. histo-risch). Hieher gehört vorzüglich die geschichtliche, oder historischeKritik im eigentlichen Sinne, welche die Wirklichkeit und Beschaf-fenheit gewisser Angaben der Geschichtschreiber u. s. w. nach be-stimmten, aus dem Zwecke der Geschichte abstrahirten, aus den lö-slichen sin der angewandten Logik entwickelten) Kriterien und Er-l°rdir»jffen der historischen Gewißheit hervorgehenden, und auf dieverschiedenen Arten der historischen Quellen angewandten Regelnprust. Sie macht einen Bestandtheil der historischen Kunst im wet-tern Umfange (oder der Thätigkeit des Historikers) aus. Mit ihrin genauer Verbindung stehr die philologische Kritik (s. Philolo-ge), die Prüfung der schriftlichen Denkmäler vorzüglich des Alter-ryums, welche entweder auf Untersuchung der Aechtheit des Ganzenauf einen genannten Verfasser, (ob sie ihm mit Recht««er fälschlich, und zwar im letzten Falle mit oder ohne Absicht zu-