Band 
Fünfter Band. Von I bis L.
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4üo Kritik

geschrieben wirb), oder des Einzelnen, b. r. auf die Aechtheit undUnverfälschtheit einzelner Stellen, und wenn sie absichtlich oderdurch Irrthum verdorben worden sind, auf ihre Wiederherstellungoder Verbesserung (z. B. durch Eonjecturen — daher Conjectural-kuitlk) gerichtet ist. Ersteres nennt man die höhere, letzteres dieniedere Kritik. Sie geht bei jener Untersuchung von äußern Um-ständen, von Ueberlieferung rc., oder von innern und wesentlichenBeziehungen, d. i. von dem Inhalt, Geist, Sprache und Styl derSchrift aus, vergleicht dieses mit dem bekannten Namen und Cha-rakter des angegebenen Verfassers, und bestimmt darnach, ob siedemselben oder welchem andern Verfasser, und welcher andern Zeitste zuzuschreiben sey. Im erster» Falle heißt sie äußere, im letzter»innere Kritik. Diese philologische Kritik, welche in Verbindungmit der Auslegungskunst oder Interpretation die höhere Philologieausmacht, ist vorzüglich unter den Deutschen in neuerer Zeit auf«inen sehr hohen Grad der Vollkommenheit gebracht worden. Manbewundert, sagt ein deutscher Denker, die Sicherheit der Resultateunserer historischen Forscher und die Festigkeit, mit welcher philo-logische Kritik uns die classische Literatur gereinigt hat. Freilichstnd die Untersuchungen, vorzüglich der innern Kritik, oft an sehrleise Andeutungen der Wahrscheinlichkeit gebunden, allein da jedeZeit, jeder Ort, jedes Individuum der Eigenthümlichkeiten so vieleHat, so bewährt es die Erfahrung doch, daß sie, wenn sie mit nö-thiger Unbefangenheit, hinlänglichem Scharfsinn, umfassenderSach-kenntniß und ausdauernder Sorgfalt angestellt werden, meisten-theils eine bestimmte Entscheidung mit überwiegender Wahrschein-lichkeit gewähren. Wem fallen hier nicht die größten unserer neu-ern Philologen, ein Wolf, Hermann, Heyne u. a. ein. Einen glück-lichen Versuch, diese Kritik auch auf die altdeutsche Literatur an-Kurvenden, hat kürzlich A. W. Schlegel (im deutschen Museum) ab-gelegt. Uebrigens ist zu bemerken, daß wenn von Kritik schlecht-hin die Rede ist, gemeiniglich die philologische Kritik vorzugsweise,besonders aber die gewöhnlich vorkommende niedere Kritik, welchesich mit Beurtheilung der verschiedenen Lesarten in den Werkender alten Schriftsteller, und mitFestsetzung der richtigen beschäfftigt,zu verstehen ist. Was aber 2. dieKunstkritik anlangt, so untersuchtsie, wie wir eben andeuteten, den innern, idealen, oder ästhetischenWerth des Kunstwerks, und heißt in sofern ästhetische Kritik, odersie beurtheilt nur die äußere körperliche und mechanische Bearbeitung,die regelmäßige Anwendung der Werkzeuge und Darstellungsmittcl derKunst oder eines Gewerbes, und heißt in sofern technische odertechnologische Kritik. So wie jede wahre Kritik endlich sich vonder »»ächten durch Fretheit und Gründlichkeit zugleich unterschei-det so unterscheidet sich auch der Kritiker, Beurtheiler, Kunstlich-ter von dem Kritikaster, Krittler oder Afterkritiker, d. h. nichtdemjenigen, welcher das zu Beurtheilende streng beurtheilt, sonder»demjenigen, welcher entweder Alles beurtheilt, oder dessen Urtheilohne objectiven Grund und Nothwendigkeit, mithin nur eine Mei-nung, — sey sie auch noch so zuversichtlich ausgesprochen, — oderimmer nur ein Tadel ist, und zwar gewöhnlich aus Uebelwollen,Neid rc. erzeugt, oder auf ävillküyrliche und conventionelle Gesetze,welche hier nichts entscheiden, oder endlich nur auf Kleinigkeitenund anscheinende Fehler gründet. Das Gefühl menschlicher Be-schränktheit und die Einsicht, daß das Vollkommenste nur Ideal