Band 
Fünfter Band. Von I bis L.
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Lally Lamballe' 5ZZ

einmal cassiren zu lassen: aber vergebens. Und in der That, wiewar es auch möglich, nach einem Zeitraum von zwanzig Zährenund zum dritten Male einen Proceß zu revidiren, bei welchem esauf nichts Geringeres, als aus das Leben von achtzehn Personen,die sich fast alle nicht mehr unter den Lebendigen befanden, ange-kommen war, und dieß alles eines Mannes wegen, der in Indienverabscheut, und in Europa während zweier so langer Zwischcn-räume von zwei Ober-Gerichtshöfen zum Tode verurtheilt wordenwar? Uebrigens scheint Lally keine von den Eigenschaften besessenzu haben, die zu einem obersten Heerführer erforderlich sind, ob-gleich sein Todesurtheil nicht curmal auf Militärverbrechen be-gründet war, mit denen sich das Parlament, da schon genug Ci-vilbeschwerden gegen ihn vorhanden waren, nicht einmal beschäff-tigen zu müssen glaubte. Man hat gesagt (und besonders ist dießWöltaires Meinung), wenn Lally mit den Engländern einverstan-den gewesen wäre; so hätte er sich nicht wieder nach Frankreich be-geben. Aber diesem Einwürfe fehlt es gänzlich an innerer Halt-barkeit. Ist es nicht eine gewöhnliche Erscheinung, daß ei» Ver-brecher, der eine mächtige Protektion hat, jeden Beweis auszeich-nen zu können glaubt? Als Lally nach Europa zurückkehrte, wardie Pompadour, die ihm das Commando in Indien verschafft hatte,noch am Leben. Er durfte auf die Diskretion Englands mit Si-cherheit rechnen, und glaubte der Unterstützung seiner Gönnern,gesichert zu seyn. Ueberdicß konnte er, nach Beendigung seinesProcesses, in Frankreich mit Ehre leben; sein Aufenthalt in Eng-land würde ihn jedoch, selbst wen» keine offenbare Beweise gegenihn vorhanden gewesen wären, mit Schande gebrandmarkt haben.Auch -wurde er wirklich erst nach Verlauf von zwei Jahren, nach-dem vorher die sorgfältigsten Nachforschungen über seine Vergehun-gen angestellt worden waren und erst, nachdem ihn die Pompadourseinem Schicksale üherlassen hatte, ins Gefängniß geworfen. Umden letzten Zug zu Lallys Charakter zu entwerfen, wollen wir nuranführen, daß in Ostindien noch nach zwanzig Jahren Eltern, diemit ihren Kindern unzufrieden waren, auszurufen pflegten, nach-dem sie alle übrigen Ermahnungen erschöpft hatten: ,,Ungeheuer!du willst also durchaus ein Lally werden! " Voltaires bekanntesUrtheil über Lally, daß jedermann, außer dem Henker, hätte seineHand an ihn legen sollen, zeichnet sich, wie viele Urtheile diesesgroßen Mannes, durch eine seltene und absolute Nichtsbedeutend-heit aus.

Lamballe (Marie Therese Louise von Carignan, Prinzessinvon), stammte aus Savoyen, welches schon aus frühern Zeitendurch Familienbande mit dem französischen Königshause vereinigtwar. Der Prinz von Carignan, der am Hose zu Turin mit demHerzog von Orleans in Frankreich gleichen Rang hatte, war miteiner hessischen Prinzessin vermählt. Marie Therese, die vierteTochter dieser Ehe, ward am 8. Septemb. 1749 zu Turin geboren.Schon von ihrer frühesten Kindheit an gab sie Beweise, daß sieeinstens zu den Reizendsten und Gebildetsten ihres Geschlechts ge-hören würde. Mit Zustimmung Ludwigs XV. mußte sich der Prinzvon Lamballe um sie bewerben, und sie ward ihm in ihrem acht-zehnten Jahre durch Procuration angetraut. Einige Zeit geuoffenveide des ehelichen Glücks in gegenseitiger Zufriedenheit; bald averuei der Prinz in die Bande des Herzogs von Orleans zurück, mit