580 Larive
Weise, wie es Larive'n endlich gelang, seinen Wunsch, Schauspielerzu werden, in Erfüllung gehen zu sehen, wird von ihm selbst fol-gender Gestalt erzählt. Nach seiner Aurückkunft von St. Domingohatte er nichts Eiligeres zu thun, als sich dem berühmten Lekainvorzustellen, und diesem sein Verlangen, Schauspieler zu werden,zu erkennen zu geben. Lekain, wahrscheinlich nur in der Absicht, so-bald als möglich des jungen Menschen wieder los zu werden, hörteeine Roll« von ihm declamiren, und gab ihm dann den zweideutigenRath, nur so fortzufahren, und es werde dann sicher ein großerSchauspieler aus ihm werden. Larive verließ, von dieser Erklärunggeschmeichelt, den ersten Held der tragischen französischen Bühne,ohne daß dieser sich eben weiter für ihn zu interessiern schien, undging stehendes Fußes zur Demoiselle Montanster, die wahrscheinlich«ine bessere Meinung von seinen Talenten bekam: denn sie engagirteihn sogleich mit einem jährlichen Gehalte von 1600 Livres bei ihrerGesellschaft. Da diese in dem Augenblicke in Tours spielte, so be-gab sich Larive zu Fuße dahin. Er gefiel bei seinem ersten Auftre-ten, und sah sich nach zweijähriger Uebung im Stande, auch aufdem Theater der Hauptstadt auftreten zu können. Hier leitete ihndie berühmte Clairon, und Larive trat daselbst im I. 1770 in derRolle des Aamor auf. Ob nun gleich sein Debüt daselbst nichtsweniger als unglücklich ausgefallen war; so kehrte er dennoch nacheinigen Monaten in die Provinz zurück, um daselbst mehr Gelegen-heit zur vollendeten Ausbildung seines Talents zu bekommen. Le-kain war während der Zeit auf Reisen gewesen, und hatte Larivealso nicht zu Paris gesehen. Nachdem nun dieser nach und nach ei-nen bedeutenden Ruf erhalten hatte, rief ihn Lekain selbst nachParis, ohne im geringsten zu ahnen, daß Larive jener junge Ame-ricancr (denn für einen solchen harte sich dieser, ohne sich weiterzu nennen, damals ausgegeben) sey, der ihm vor mehreren Jahren«ine Rolle vordeclamirt habe. Dießmal ward Larive vom pariserPublicum mit Enthusiasmus aufgenommen und bei der französi-schen Bühne als Stellvertreter Lekain's angesetzt. Run konnte La-rive der Begierde nicht länger widerstehen, sich diesem zu erkennenzu geben. Er lud ihn zum Mittagsessen ein und brachte das Ge-spräch auf jenen jungen Americaner. ,,Ei, sagte Lekain, dessen er-innere ich mich noch recht wohl. Dem Narren sah man es an, daßrr, wo nicht aus einer andern Welt, doch wenigstens aus einemandern Welttheile kam. Denn stellen sie sich vor: er hatte nichtsgeringeres im Sinne, als in größter Geschwindigkeit mein Stell-vertreter zu werden." (Diesen Ausdruck hatte Larive gebraucht).Man denke sich die Bestürzung in welche Lekain gerieth, als nunLarive, ihm zutrinkend, folgendes sagte: „Und doch hat er seinWort gehalten: dieser Narr von Americaner bin ich." Mit derAufzeichnung eines andern Zusammentreffens beider großer Schau-spieler, welches nicht minder interessant ist, wollen wir diesen Auf-satz schließen. Larive spielte so eben mit enthusiastischem Beifallezu Lyon, als auch, wider Vermuthen, Lekain daselbst erschien undsogleich seine Vorstellungen begann. Anfangs machte man Larioeden Antrag, für diese Zeit neben Lekain, also in zweiten Rollen,zu spielen. Nach einiger Weigerung nahm Larive den Vorschlag an;Lekain war aber nicht dazu zu bewegen, die angekündigte Vorstel-lung, Adelheid von Guesclin, noch einige Tage auszusetzen: Larivemußte also in der Nacht, die der Vorstellung vorausging, die Rolle