Lenclos 665
kommen betrug 8 bis 10,000 Livres jährlich, und die Einkünfteeines Jahres lagen stets bereit, um damit ihre Freunde in un-vorhergesehenen Fällen unterstützen zu können. Der Lebensplan,den sie sich entwürfen hatte, war einzig; ohne eineir verächtlichenHandel mit ihren Reizen zU treiben, wollte sie jedoch denen, dieihr gefallen würden, sich hingeben und so lange angehören, alsdie Liebe zu ihnen dauern dürfte. Unbeständig in der Liebe, abertreu in der Freundschaft, gewissenhaft in allem, w<vs Redlichkeitbetraf, von stets gleicher Laune, reizendem Umgänge, wahr, fähigjunge Leute zu bilden, aber auch, sie zu verführen, geistreich,ohne mit ihrem Geiste Parade zu machen, schön bis in das höchsteAlter, fehlte ihr nichts, als die weibliche Lugend. Und doch han-delte sie mir einer Würde, als wenn sie diese Lugend selbst wäre.Niemals nahm sie Geschenke zum Lohne ihrer Gunstbezeigungenan; in diesen schien sie überhaupt nur das Körperliche, nie dasGeistige zu beachten. So gab sich ihr Geschmack stets aus blinderSinnlichkeit einem vorübergehenden Rausche hin, ohne daß sie sichdarum bekümmerte, ob der Gegenstand desselben ihrer werth sey,oder nicht. Sie dachte wie Epicur und handelte wie Lais. Nachund nach alle berühmten und ausgezeichneten Männer ihrer Zeitbegünstigend, bewies sie ihnen allen, daß nur der Hang zur Sinn-lichkeit und durchaus keine Eitelkeit Antheil an ihren Liebesbezei-geu habe. Das erfuhr besonders La CHLtre auf eine auffallendeWeise. Er sollte zur Armee abreisen und war taub gegen alleEidschwüre, die Rinon that, um ihn ihrer Treue zu versichern.Nun schrieb sie ihm ein Billet, in welchem sie ihr Ehrenwort gab,daß sie während seiner Abwesenheit nur ihn allein lieben wolle.Aber kaum hatte La CHLtre den Rücken gewandt, als sie auchschon in den Armen eines neuen Geliebten lag, und ausrief:„Nun, das muß ich sagen, sia CHLtre hat doch ein ^herrlichesBillet von mir in Händen!" Der Großprior von Vendome, den sienicht erhören wollte.machte, über ihre Weigerung erbittert, fol-gende Werfe aus sie: InlliKns äs nies loux, incliKiie äo unes I-ar-mes, je reuoirce Sans Paine L ies loibles aPPas: nion aniourie gretoir lies obavines, inKvate gns in n'avois Pas (die dumeiner Thränen und meiner Liebe unwerth bist, ohne Mühe ent-sage ich deinen schwachen Reizen; meine Liebe lieh dir Annehmlich-keiten, die du nicht hattest). Rinon antwortete darauf: Insen-sible L ves keux, insensible ä les larines, je ie vois renoneera ines loibles aPPas; rnais si l'ainonr prete äes elrarines,Pvurgnoi n'en eniPvnniois - tn ^as (gefühllos gegen deine Liebe,gefühllos gegen deine Thränen, sehe ich dich meinen schwachenReizen entsagen; aber wenn die Liebe Annehmlichkeiten leiht,warum borgtest du keine)? Ungeachtet des Rufs der Unbestän-digkeit und Galanterie, den Rinon hatte, bemühten dennoch dieliebenswürdigsten und achtbarsten Damen sich um ihre Freundschaft.Unter diesen^wollen wir nur die Frauen von La Fayette., von LaSabliere und von Maintenon anführen. Erstere verglich sie miteinem reichen, gesegneten Fruchtfelde; von der zweiten behauptetesie, sie sey ein niedliches Blumenbeet; die dritte wollte, wie siesich auszudrücken pflegte, eine Betschwester aus ihr machen, undsich von ihr zu Versailles die Langeweile, welche die Vornehmheitund die Jahre machen, vertreiben lassen. Vergebens versuchtenes ehrwürdige Beichtherren, sie in den Schooß der Kirche zurückzu-