Lycurgus 86t
Achtung, und der Muthwills des Volks, im Gegensatze mit der Be-drückung der Großen, konnte keine Gränzen. Mit einem Worte:die ganze Regierungsvcrfassung war in Unordnung gerathen. Indieser bedenklichen Lage des Staats war Lycurg der einzige Mann,von dem man Hülfe und Rettung erwartete. Das Volk suchte inihm Schutz gegen die Großen, und die Könige glaubten, daß er denUngehorsam des Volks bändigen werde. Mehr als einmal erschie-nen daher Gesandte bei ihm, welche ihn baten, dem Staate zuHülfe zu eilen. Lang« widerstand er; aber endlich gab er dem drin-genden Wunsche aller seiner Mitbürger nach. Bei seiner Ankunftin Sparta merkte er bald, daß hier nicht bloß von Abschaffung ein-zelner Gesetzwidrigkeiten und MißbrLuche die Rede seyn dürfe, son-dern daß vielmehr eine gänzliche Wiedergeburt der Staatsverfaffuugsein Augenmerk seyn müsse. Die Achtung, welche ihm seine Persön-lichkeit, seine Geburt und besonders die augenblickliche Lage desStaates bei seinen Mitbürgern verschaffte, machten ihm Muth, sichvon den obwaltenden Hindernissen nicht abschrecken zu lassen. Auchversäumte er nicht, die Götter mit ivs Spiel zu ziehen. Das del-phische Orakel aiitwortete auf seine Frage: die Götter nehmen deineOpfer mit Wohlgefallen an, und unter ihrem Beistande wirst dudie vortrefflichste Gtaatsverfaffung gründen. Dagegen versäumte erauch keine der Maaßregeln, welche ihm die Klugheit gegen den Haßseiner Neider an die Hand geben konnte: dreißig seiner Freunde,aus den angesehensten Bürgern, mußten ihn bewaffnet in die Volks-versammlung begleiten. Diese Vorsicht war nicht unnökhig, wie dieFolge zeigte. Charilaus floh in den Tempel der Minerva, kehrteaber auf die Einladung. Lycurgs zurück, und machte, gleich demzweiten Könige Archelan«, gemeinschaftliche Sache mit ihm. Dererste Schritt, den er nun that, bestand darin, daß er den Königendie Gerusia, einen Senat von acht und zwanzig, durch ihr Alterehrwürdigen Personen (Gcronten), an die Seite setzte, ohne dessenEinwilligung jene nichts ausführen sollten. Dadurch bewirkte erein heilsames Gleichgewicht zwischen der Macht der Könige und demUeLermuthe des Volks. Letzteres erhielt zugleich die Gewalt, überdie Staatsangelegenheiten seine Stimme geben zu dürfen, ohne je-doch die Freiheit der eignen Berathschlagungen zu haben, indem siesich darauf beschränken mußten, das, was die Könige oder der Se-nat vorschlagen würden, entweder zu genehmigen, oder zn verwerfen.Die Spartaner willigten meistens in alle Einrichtungen Lycurg«ohne Widerrede: bloß die gleiche Vertheilung des Eigenthums er-regte unter den Reichen einen Aufruhr, der am Ende so heftigwurde, daß Lycurg nur durch die schleunige Flucht in einen benach-barten Tempel sein Leben zu retten vermochte. Auf dem Wege da-hin erhielt er einen heftigen Schlag über den Kopf, der ihn auchdas -ine Auge soll gekostet haben. Er that weiter nichts, als daßer sich umwandte und seinen Verfolgern das von Blut überströmteGesicht zeigte. Dieser Anblick erfüllte alle mit Schaam und Reue;sie baten ihn um Verzeihung und begleiteten ihn ehrfurchtsvoll nachHause. Der Thäter, ein vornehmer Jüngling von heftigem undaufbrausendem Charakter, ward ihm ausgeliefert. Lycurg verziehihm aber, und entließ ihn voller Beschämung über eine so großmü-thige' Gesinnung. Nachdem die Verfassung Sparta'- nun völlig ge-gründet war, dacht« Lycurg auch an Leren Aufrechterhaltung für die<r»lge. Nachdem er nämlich allen Bürgern «wen feierlichen Eid