Band 
Fünfter Band. Von I bis L.
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869
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Lyrik 86y

einwärts gebogen war. Bei der Lyra standen die beiden Haupt-seiten weniger auseinander und der Boden war gekrümmt, wieeine SchildkrStcnschale. Sie konnte nicht, wie die Cither, auf-recht gestellt,sondern mußte beim Spielen zwischen den Knieen ge-halten werden. Von der Lyra des Merkur wird erzählt, daß sieCorybas, der Sohn des Jasus und der Cybele, nach Phrygien ge-bracht habe, als er mit sein-nn Onkel Dardanus dahin ging.Nach Einigen wurde sie zu Lyrmeffus aufbewahrt, wo sie Achillesbei Eroberung dieser Stadt erbeutete. Andern Nachrichten zuFolge, soll sie auch nach dem grausamen Tode des Orpheus, dersie vom Apolle, so wie dieser vom Merkur erhalten hatte, aufBitten der Musen vom Jupiter unter die Gestirne versetzt seyn.

Lyrik, lyrische Poesie ist diejenige Gattung der Poesie(oder Dichtungsart), durch welche der Dichter sein inneres Lebenim Zustande des bewegten Gefühls unmittelbar darstellt. Da-durch daß in derselben das Gefühl das Herrschende ist, ist sievon der d r amatisch e n Poesie, in welcher die Anschauung zueinem von dem Innern des Dichters verschiedenen Leben selbst-ständig ausgebildet ist, und von der epischen verschieden, welchein ihren vollendetsten Werken, einen umfassenden Kreis von Hand-lungen in einer anschaulichen Begebenheit als von dem Dich-ter angeschaut, darstellt, und beides, Gefühl und Anschauung,im vollen Gleichgewicht enthält. Verglichen mit Epos und Dra-ma ist das lyrische Gedicht das beschränkteste, denn das Gefühlist beschränkt auf den Moment der Gegenwart, aber um desto tie-fer, voller und mächtiger spricht es das Gemüth an. WaS derlyrische Dichter giebt, giebt er als sein eigenes Inneres, wes-halb man auch die lyrische Poesie die sub j e c t i v e, im Gegensatzder übrigen Dichtungsarten genannt hat. Auch heißt daher imwettern Sinne jede Darstellung lyrisch, welche nicht sowol die Ge-genstände des Gefühls-, wie sie erscheinen, als vielmehr den sub-jektiven Zustand, oder wenigstens die Gegenstände durch den Ein-druck schildert, welchen sie auf das Gemüth hervorbringen. In-dem aber die lyrische Dichtkunst das Gefühl am unmittelbarstendurch die Sprache ausdruckt, nähert sie sich der Tonkunst,welche das Gefühl durch Töne und ihre Verbindung am reinstendarstellt, daher auch die griechische Lyrik von ^.0^, womit manGedichte bezeichnete, die zur Lyra gesungen werden konnten. Ob-gleich nun in der lyrischen Dichtkunst sich alles in Gefühle aus-löset, und zum Gefühle wird, so ist doch selbst ein lebhaftes Ge-fühl dem lyrischen Dichter nicht hinreichend, und nicht jederAusdruck desselben ein lyrisches sGedicht, wie so viele mei-nen , welche sich deshalb für die lyrische Poesie am meisten geeig-net glauben, lleberhauxt hat man den auf das Wesen der lyri-schen Poesie gegründeten Satz: die lyrische Poesie soll das innere..eben und Gefühl des Dichters (d. i. das harmonische, poe-tische Gefühl) darstellen, von jeher in die falsche Behauptung um-gekehrt, der lyrische Dichter (wofür sich jeder hält, der mit eini-ger Leichtigkeit im Gebrauch der poetischen Sprache ein lebhaftesGefühl verbindet, oder,'irgend einmal ein lebhaftes Gefühl hat)solle sein subjektives Leben oder sein Gefühl darstellen. ESsr.aAs sich also, in wiefern ist das Gefühl poetisch zu nennen?Ein solches muß, zufolge der Natur des Kunstwerks, in sich selbstharmonisch, und nicht nur würdig seyn in der Sprache aufbewahrt