Band 
Fünfter Band. Von I bis L.
Seite
873
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Lysander 873

noth, noch die Befürchtung, Lysandcr möchte die von den Athenien-sern an ihren Bundesgenossen ausgeübte Grausamkeit an ihnen aufeine ähnliche Weise zu rächen suchen. Als nun endlich die HungerS-noth auf das Höchste gestiegen war, ergaben sich die Atbenienser,büßten aber ihre Unabhängigkeit dabei «in: doch mußten sie sichnoch glücklich schätzen, daß nicht, wie die Bundesgenossen der Spar-taner verlangten, die Stadt selbst zerstört wurde. Hier begann nunmit der Einsetzung der dreißig Männer eine mit der schrecklichstenTyrannei verbundene Oligarchie. Nun kehrte Lysandcr nach Laccdä-mon zurück, wo er, ob man gleich seinen Charakter und seine Ver-sahrungsart vollkommen zu würdigen wußte, dennoch durch denGlanz seiner Siege, durch seine außerordentliche Freigebigkeit unddurch seine scheinbare Uneigennützigkeit sich einen solchen Anhang zuverschaffen wußte, daß er, wo nicht dem Namen, doch der Sachenach, das eigentliche Oberhaupt von ganz Griechenland wurde. Daer nun auch ungeheure Summen Geldes und einen unermeßlichenSchatz von Kostbarkeiten nach Sparta, wo Lykurgs Gesetzen zufolgekein Geld vorhanden seyn durste, gebracht hatte; so wurden dadurchvon nun an die eigentlichen spartanischen Tugenden zu Grabe getra-gen und allen Arten von Lastern die Thore geöffnet. Von Spartakehrte Lysander nach Asien zurück, wo er sich aber durch sein eigen-mächtiges, herrschsüchtiges und tyrannisches Verfahren, besondersaber durch den Ucbermuth, den er an dem dortigen persischen Statt-halter Pharnabaz ausübte, so sehr verhaßt machte, daß letztererihn in Sparta vor den Ephoren anklagte. Da hier nun auch dieBeschuldigung, Lysander wolle sich unabhängig von Sparta machen,Eingang fand; so sandten ihm endlich die Ephore» den Befehlzu, zurückzukehren. Lysander erschrack, mußte sich jedoch dem Wil-len der Ephoren fügen, und wußte sich am Ende sogar aller Ver-antwortlichkeit zu entziehen, indem er eine Reise nach Afrika vor-schützte, wo er dem Jupiter Ammon ein Gelübde gethan habe. Alsbald nach seiner Aurückkunft der König Agis gestorben war unddessen Sohn als eigentlich vom Alcibiabes abstammend betrachtetwurde; so veranlaßte Lysander, der selbst auf die Königswürde kei-nen Anspruch machen konnte, seinen Liebling Agesilaus, sich desThrons zu bemächtigen: Lysander hoffte nämlich, auf diese Weisewo nicht wirklicher König zu seyn, doch dessen Gewalt in den Hän-den zu haben. Als Agis, von Lysandcr begleitet, mit einem Heerenach Asien den Persern entgegen gegangen war, merkte er bald, daßnicht er, sondern Lysander, die erste Rolle spielte Er wußte je-doch durch ein schlaues, gemäßigtes Betragen dem nachthciligen Ein-flüsse Lysanders dergestalt zu entgehen, daß dieser bald von allenfeinen Frcundqn verlassen wurlc, und voll der bittersten Rachsuchtnach Sparta zurückkehrte. Hier beschloß er, den schon längst gefaß-ten Plan, die Verfassung seines Vaterlandes umzustürzen, inSWerk zu richten. Er wollte nämlich die Thronfolge nicht allein aufalle Heraciiden, sondern sogar aus alle eingeborne Spartaner aus-zudehnen und dann sich selbst auf den Thron zu setzen suchen. Dadieser Zweck durch offene Gewalt nicht zu erreichen stand; so nahmer zu einem Betrüge seine Auflacht: Apollo selbst sollte nämlich er-klären, Sparta könne nur dann vor künftigen Unglücksfäilcn ge-sichert seyn, wenn es die Tugendhaftesten unter seinen Mitbürgernzu Königen wählen würde. Aber im Augenblicke, wo im Tempelzu Delphi der Betrug gespielt werden sollte, trat einer von den