Maria, die Mutter Jesu 119
Wirksamkeit getreten ist, bescheidet sie sich willig, baß er der Weltmehr als seinen Verwandten angehören müsse, und bei der Hochzeitzu Cana, wo sie mit weiblicher Bescrglichkcit seine Wundcrkraftin Anspruch nimmt, um den Neuvermählten eine Beschämung zuersparen, beleidigt es sie nicht, sich seiner tiefern Einsicht zu un-terwerfen; auch wird sie darum nicht an ihm irre, daß er, einst imLehre» begriffen, sie und seine Bruder nicht zu sich ließ. OhneZweifel hat sie ihn auf dem gefahrvollen Wege seines Berufs mitzärtlich wachsamen Augen begleitet; denn endlich unter seinemKreuze finden wir sie im stummen Schmerze neben Johannes wie-der. An der Hand dieses Jüngers, den ihr Jesus zum Sohne gab,verschwindet sie aus der Geschichte, die nur von den hier berührtenAustritten und Zügen aus Mariens Leben, aber nichts von ihrenfernern Schicksalen und von der Himmelfahrt weiß, mit der die Le-gende ihren Tod ausgeschmückt hat. Doch wer kann zweifeln, daßsie in den Himmel, in dem ihr Sinn schon auf Erden war, einge-gangen sey! Leicht konnte die Poesie und mit ihr die katholischeKirche das Bild Mariens zu einem Ideale der Weiblichkeit gestal-ten, denn wenn Frauen Heilige sind, so wird imiyer eine Maria«n Unschuld, Demuth und Frömmigkeit die erste unter ihnen seyn.Mit der Hciligenvcrchrung kam natürlich auch der Maricndienstauf, und von jeher haben sich christliche Frauen am liebsten an dieseFürbitterin gewandt. Man kann es der Andacht auch verzeihen,daß sie in der verklärten Marie eine Himmelskönigin, ja etwasÄhnliches von einer Göttin sieht und sie die Mutter Gottes nennt.Aber die Ehre, die schwärmerische Mönche ihr durch die Behaup-tung, sie hätte Jesum ohne Verletzung ihrer Jungfrauschaft gebo-ren, anthun zu müssen glaubten, bekommt doch nur dann eine»Sinn, wenn von der ewigen Jungfräulichkeit ihres Gemüths dieRede ist; denn diese konnte auch durch die nachfolgenden Geburtender Söhne, die Joseph nach einer noch jüngst von Herder unterstütz-ten Meinung mit ihr gezeugt haben soll, und die daher die BrüderJesu heißen, nicht verletzt werden. Hinausgerückt aus dem Feldeder Geschichte und emporgehoben in das Gebiet der Religion er-scheinen sie daher immer als die Krone und Sonne der Frauen undjede über sich eben so fleißig in der Nachahmung ihrer Tugenden,als die Künstler wetteifern, uns das Bild ihrer Holdseligkeit vorAugen zu stellen. Aber auch den Männern bleibt sie um des Soh-nes willen, den sie groß gezogen, an die Quellen der ältern Of-fenbarungen Gottes geführt und mit ihren Tugenden, die so mild a»ihm wiederstrahlen, ausgestattet hat, heilig und der Verehrungwerth. (Vergl. d. Art. Jesus.) Als Sterne des zweiten Rangeserscheinen neben ihr in der evangelischen Geschichte noch mehrer«Marien, r. Maria von Bethanien, die Schwester des Lazarus,Jesu gelehrigste Schülerin und zärtlichste Verehrerin, die er selbstseiner Freundschaft würdigte und mit unvergänglichem Ruhme be-lohnte, Matth. 26, iz. 2. Maria von Magdala oder Magda-lena, die Jesu ihre Heilung von einer schweren Krankheit schuldigwar und ihren Dank durch die treueste Anhänglichkeit gegen ih»bewies. Sie diente ihm mit ihrem Vermögen, sie begleitete ihnauf seinen Reisen, sie weint unter seinem Kreuze, sie ist die letztebei seiner Beerdigung und die erste, die am Ostermorgen zu seinemGrabe eilt und den Auferstandnen wiedersieht. Ein verjährter,durch die Kunst wie durch die Kirche geheiligter Irrthum verwcch-