Mirabeau (Honore Gabriel Victor Riquetti) 355
bracht, Sophie aber, die schwanger war, der Polizeiaufsicht über»geben. Nach ihrer Entbindung von einer Tochter brachte man sieden iLten Juni 1778 -in das St. Clarcnkloster nach Gien. Dieserbeinahe dreijährigen Gefangenschaft verdanken wir das berühmteWerk I.ktrios a öoplris oder I.«ttres oiiAriraleS 6e iVIirsbeau.Vol. I V. i?y2z mit der Begeisterung der Leidenschaft, in tieferEinsamkeit geschrieben, athmen jene Blätter nur Gefühl, Schwär-merei und Zärtlichkeit. Doch finde» sich auch hier Spuren vonAdelstolz. Er sagt unter andern seiner Geliebten, wie tief sie unter ihmin Hinsicht auf Geburt stehe. Mirabeau sah sich jetzt gezwungen,noch einmal gegen den Marquis in die Schranken zu treten; dochwußte er die Rechte eines Sohnes zu behaupten, ohne dessen Pflich-ten zu verletzen. Seine Bertheidigungsschrift war ein Meisterstückder Vernunft, Beredsamkeit, Kunst und Logik. Niemand kannsolch einen Geist in Kerkermauern gefesselt sehen, ohne mit Sophienauszurufen: „Du hast klar bewiesen, warum Du den Gedanken, indeinem Baterlande ei» großer Mann zu werden aufgeben mußt!"Jedes Trostes beraubt, und unter vielfachen körperlichen Leidenschrieb hier Mirabeau seine Lrocica blblion, ein scharfes, origi-nelles Werk, zu dem die Kommentare des Don Calmet über dieBibel ihm den Stoff geliefert hatten. Zugleich entwarf er für seineSophie eint Grammatik und eine kleine Abhandlung über Mytho-logie; er übersetzte auch den Johannes Secundus, und bezeichnetedie Schranken einer willkürlichen Gewalt in seinem männlich kräfti-gen Werk über die lereres 6s casirsr. Endlich versagte man ihmsogar das Papier; er fand aber Mittel, sich welches zu verschaffen,indem er aus den Büchern, die man ihm verstattete, die weißenAnfangs- und Endblätter riß. Seine Schriften bekamen einen nochgedrungenere, und kütmern Styl. Er verbarg die Blätter, auf welcheer schrieb, in dem Futter seiner Kleider, und verließ endlich dasGefängniß, mit dem so eingenähten Manuskript seiner I,er,oes 6so-clwr. Die lange Buße seiner Einkerkerung hatte die V-rfolgungs-walh abgestumpft; die Handlanger der Macht finge» sogar a» zuenöihen, daß sie Werkzeuge der Rache eines Vaters waren, desseneignes Betragen strenge Borwürfe verdiente. Er war der Sclaveseiner Maitresse, der Frau von Pailly, welche seine Leute tyranni-ßtte zind seine Familie verbannte. Es wurden endlich den i7tenDecember 1780 Mirabeau's Fesseln gelös't; und es scheint, daß ersich mit seinem Vater versöhnte, denn er verlebte jetzt lü Monatemit ihm, und verließ nur das väterliche Haus, um die Widerru-fung des Uctheilsspruchs zu bewirken, welcher in Pontarlier gegen>hn erfolgt war. Er erlangte sein Gesuch den iqten August 1782.Sophie erhielt zugleich ihr Heirathsgut und ihre Freiheit wieder.Mirabeau kehrte hierauf in die Provence zurück; von dort ausschrieb er seiner Frau folgenden Brief: den 6ten November 1782.>>Um acht Jahre bin ich älter worden, seit wir getrennt von einan-der leben; nur schwerlich wird man mich dahin bringen, zu glau-ben, daß diese acht Jahre des Mißgeschickes, welches stets gutenHerzen heilig ist, mich dem Deinen sollten völlig entfremdet haben."Doch Bitten, Beredsamkeit und Vermittelung gemeinschaftlicherSseunde blieben unwirksam bei der Hartnäckigkeit der Verwandtenffmer Frau. Mirabeau "Wendete sich jeht gleichfalls an die Gesetze,und es entspann sich ein Prozeß, der für keine der Parteien ehren-v°il war! Lein Advocat war Dupvrt Dutertre; Delacroix sprach
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