426
Montaigne
Montaigne ist vielleicht der ungezwungenste Schriftsteller, den umfinden kann; er hat einige Einfälle über einen Gegenstand, undschreibt sie nieder, aber wird er dadurch auf irgend einen andernGedanken geführt, der mit jenen nur in der leisesten Berührungsteht, so verfolgt er diesen, kehrt zu seinem Gegenstände zurück undverläßt ihn aufs neue, oft ohne darauf zurückzukommen. Er be-rührt alles, was ihm aufstdsit; unaufhörlich schweift er ab von sei-nem Wege, und mit Recht sagt Balzac, daß er einem Führer gleicht,der in der Irre geht, der uns aber in unmuthigere Gegenden führt,als er versprochen hat. Man kann von ihm sagen, was Quinti-lian in einem andern Ginn vom Seneca sagt: Dulcibus sbuncsirviriis (er ist voll anmuthiger Fehler), Da nur ein feiner SinnMontaigne richtig zu würdige» vermag, so hat es ihm nicht an Lad,lern gefehlt; aber die gültigsten Zeugen haben sein hohes Verdunstanerkannt. „Welche schreiende Ungerechtigkeit," sagt Voltaire, „zu sa-gen, daß er nur die Alten commentirt habe? Er citirt sie zur rech-ten Zeit, und das thun die Eommentatoren nicht; er denkt, unddiese Herren denken nicht; er stützt sehne Gedanken auf die Gedan-ken der großen Männer des Alterthums; er beurtheilt, er bestreiketsie; er unterredet sich mit ihnen, mit seinem Leser, mit sich selbst;immer originell in der Art, wie er die Gegenstände schildert, im-mer voll Phantasie,, immer darstellend, weiß er, und das liebe ich,stets zu zweifeln. Übrigens möchte ich wohl wissen, ob er von denAlten entlebnt hat, was er über unsre Moden, unsre Gebräuche,über die fast zu seiner Zeit entdeckte neue Welt, über die Bürger-kriege, deren Zeuge er war, über den Fanatismus der Secrcu, dieFrankreich zerrütteten, sagt." La Harpe beurtheilt ihn noch gründ-licher, „Montaigne hatte viel gelesen," sagt er, „aber er verbrei-tete seine Gelehrsamkeit über seine Philosophie. Nachdem er dieAlten und Reuen gehört hatte, fragte er sich, was er davon denke,Die Unterredung war ziemlich lang. Er mißbraucht zuweilen dieFreiheit zu sprechen, und verliert den aufgestellten Punkt der Un-tersuchung aus dem Auge. Er citirt aus dem Gedächtniß, undmacht von einigen Stellen, die er anführt, eine gezwungne oderfalsche Anwendung, Er beschränkt zu sehr die Gränzen un>rerKenntnisse von verschiednen Gegenständen, die später Erfahrungund Verstand nicht unzugänglich gefunden haben. Dies, glaubeich, ist alles, was man an ihm tadeln kann; aber wie sehr wird eivon dem Lobe ausgewogen, das ihm gebührt. Als Schriftsteller hater der französischen Sprache eine Energie aufgedrückt, die sie vorihm nicht besaß, und die nicht gealtert hat, weil sie in den Gefüh-len und Gedanken beruht und dem Geiste der Sprache angenieste»ist, Als Philosoph hat er den Menschen geschildert, wie er ist. Nlobt ohne Schmeichelei, und tadelt ohne Haß. Er hat einen Cha-rakter von Redlichkeit, den man nirgend sonst findet. Man, glaub-nicht ein Buch zu lesen, sondern einer Unterhaltung beizuwohnen!er überzeugt, weil er nicht lehrt. Er spricht oft von sich, aber auspine Weise, um uns mit uns selbst zu beschäftigen. Er ist weder wol,noch heuchlerisch, noch langweilig; drei schwer zu vermeidende Din-ge, wenn man von sich selbst spricht. Er ist nie trocken; allenthü-ben ist er mit seinem Herzen, mit seiner Gesinnung, und welH-Maffe von Gedanken über alle Gegenstände! welcher Schatz vonVerstand! welche vertraute Mittheilungen, wo seine Geschichte auc?die unsrige ist! Glücklich, wer seine eigne in dem Capitel von °>