Mofts Mendelssohn 491
heit ist die historische Kunst ihres Verfassers, überall blickt seine Größeu»d Kraft hervor, und welches hohen dichterischen Schwunges er fähigwar, bezeugen die herrlichen Lieder, mit denen er die Rettung amrothen Meere feiert und das Volk vor seinem Tode segnet und ent-läßt. Vergeblich bemüht sich daher die neuste Kritik, diese Bücher inden Nebel der mythischen Dichtung zu stellen (vergl. d. Art. he-bräische Literatur), dem Unbefangnen haben sie die Geltang ei-ner historischen Wirklichkeit, und er überzeugt sich bald, daß kein an-drer als Moses und auch dieser nur, um das Geschehene treu zu berich-ten, sie niederschreiben konnte. Wie hätten auch die Generationenvon mehr als drei Jahrtausenden nach einem Mährchen ihre Verfas-sungen ordnen und die zehn Grundgebote aller Religion und Moral,die Weihs des Sabbaths zum Ruhetage und ihre Ehe - und Kirchenge-lde von einem andern annehmen mögen, als von dem erhabnen Ge-sandten Gottes, den in der Geschichte der Menschheit unter allen ih-ren Heroen und Wohlthätern nur Einer verdunkelt. L.
Moses Mendelssohn war 1729 zu Dessau von jüdischen Äl-i ,tern geboren. Sein Vater Mend'el, daselbst Schulmeister undZehngcbotlchreiber (Sopher), gab ihm trotz seiner Armuth eine guteErziehung. Er unterrichtete ihn in der hebräischen Sprache und denLnfangsgründen der jüdischen Gelehrsamkeit selbst; im Talmud ließer ihn von Andern unterrichten. Nächst dem war das alte Testamentdie Quelle seines Unterrichts und seiner Bildung. Besonders zogenihn die poetischen Bücher desselben an. Das berühmte Werk des Mai-«onidcS, More Nebochim (Fübrer der Irrenden), das ihm in dieHände siel, legte in ihm den ersten Grund zur Untersuchung der Wahr-heit und zu freimüthiger Denkungsart. Er studirte dieses Buch, das> gleichsam die Metaphysik der Bibel ist, mit einem Fleiße und einerWißbegierde, daß er in eine Nervenkrankheit verfiel, von der er durch! nachlässige Behandlung ein gekrümmtes Rückgralh und eine stets! schwächliche Gesundheit behielt. Da sein Vater ihn nicht ernährenkonnte, so mußte er 1742 in seinem vierzehnten Jahre nach Berlinwandern, wo er von geringen Wohlthaten einiger Glaubensgenossen«erschiedne Jahre in äußerster Dürftigkeit lebte. Das Schicksalfahrte ihn hier mit Israel Moses, einem tiefsinnigen Denker undgroßen Mathematiker, zusammen, der, wegen seiner Freimüthigkeitallenthalben verfolgt, in gleicher Armuth lebte, und recht eigent-lich ein Märtyrer der Wahrheit wurde. Dieser Mann dispukirterst mit Mendelssohn nach Maimonidcs Grundsätzen. Auch gab er>hm den Euklides in einer hebräischen Übersetzung in die Hände undweckte dadurch in ihm den Trieb zur Mathematik, deren Studiumren Verstand des Jünglings schärfte und ausbildete. Ein jungerMlscher Arzt, Namens Kisch, ermuntecre ihn zur Erlernung desLateinischen und gab ihm selbst einigen Unterricht darin; durch denÄockor Aacon Salomon Gumpert bekam er Gelegenheit, mit derneuesten Literatur bekannt zu werden. Überdies lernte er verschied»«talentvolle Jünglinge kennen, mit denen er zu seinem, wie zu ihremrlorlheil umging. — So lebte Mendelssohn der Weisheit und^^anschaft ohne alle andre Aufmunterung, als die er aus sichMst schöpfte, selbst ohne gewissen Unterhalt, bis ein reicher Sei-^nfabrikant seiner Nation zu Berlin, Namens Vernarb, ihn zumErzieher seiner Kinder, und nach und nach zum Aufseher, Factor,endlich zum Theilnehmer seiner Fabrik machte. Im I. 1754.machte er die Bekanntschaft Lessings, die aus seine Bildung den vor-