Naiv S8r
slnnung und Empfindung über dem künstlich Gebil-deten, denn Unschuld der Sitten und Begierden, Offenheit undTreuherzigkeit, reines Mitgefühl, hat er voraus, wie das Kindvör dem Manne. Schien er in Hinsicht des Verstandes kindisch, soerscheint er in Hinsicht des Gemüths kindlich, und hat etwas un-aussprechlich Anziehendes, aber zugleich auch Rührendes. Wieferner Nachhall verschwundener Kinderjahre tönt uns seine Stiimne,denn was er ist, das waren auch wir einst, und sind es nicht mehr«durch Schuld und Unglück. Die Unbefangenheit eines unschuldigen,arglosen und reinen Herzens öffnet uns einen Blick in das verlerneParadies, und der Eontrast desselben mit unserer Beschaffenheit undLage, die uns mit Zurückhaltung, Verstellung, Falschheit, Ver-schlagenheit, Arglist und Lüge in gefährlichen Kampf gestellt haben,ist die Quelle jener Rührung. „Das Naive," sagt Schiller,,.verbin-det die kindliche Einfalt mit der kindischen; durch die letzteregibt es dem Verstand eine Blöße, und bewirkt jenes Lächeln, wo-durch wir untre theoretische Überlegenheit zu erkennen geben..Sobald wir aber Ursach haben zu glauben, daß die kindische Ein-falt zugleich eine kindliche sey, daß folglich nicht Unverstand, nichtUnvermögen, sondern eine höhere praktische Stärke, ein Herztoll Unschuld und Wahrheit, die Quelle davon sey, welches dieHülfe der Kunst aus innrer Größe verschmähte, so ist jener Triumphdes Verstandes vorbei, und der Spott über die Elnfäktigkeit gehtin Bewunderung der Einfachhe t über. Wir fühlen uns genöthigt,den Gegenstand zu achten, über den wir vorher gelächelt haben,und, indem wir zugleich einen Blick in uns selbst werfen, uns zubeklagen, daß wir demselben nicht ähnlich sind. So entsteht dieganz eigne Erscheinung eines Gefühls, in welchem frölichcr Spott,Ehrfurcht und Wehmuth zusammenfließen." Indeß bringt dasNaive doch nicht jüberall diese gemischte Empfindung hervor, dennin den Fällen, wo es unsre Ehrfurcht, unsre Bewunderung in An-spruch nimmt, da hat es alle Wirkung des Erhabenen, mit wel-chem es dann auch in Wahrheit verwandt ist. Fassen wir alle dies«Umstände genau ins Auge, so erkennen wir, daß zur Naivetät ge,höre Unwissenheit des Welttons bei gesundem Menschenverstand, undeine gewisse treuherzige Zuversicht auf die Güte der Menschen, weitein gutes wohlwollendes Herz feine ursprüngliche Einfalt bewahrte.Liese Eigenschaften sind aber theils nicht jedesmal alle vereinigt,theils erscheine» sie dem Beobachter nicht immer in demselben Lichte,und daher kommen mehrere Nebenvorstellungen, die man häufig,wiewohl nicht eben richtig, mit dem Naiven zu verbinden pflegt.Man findet entweder nur ein Naive- des Verstandes, odernur ein Naives des Herzens; jenes und dieses scheint seine-Natur zu verändern, wenn der künstlich gebildete Beobachter ihmlein« Ansichten, seine Überzeugungen, seine Erfahrungen un-terlegt, oder den Naiven und das Naive nach ihnen beurtheilt. Sostitt z. B. bei dem Naiven des Verstandes der sonderbare Fall «in,daß man bald die Dummheit und Albernheit, bald einen gewissenWitz für Naivetät erklärt, und daß die naive Dummheit und Al-bernheit selbst in gewissem Betracht alt witzig erscheint, und manNaivetät b-inahe als Witz des Dumme» erklären könnte. Dies ist»amentlich der Fall bei allen solchen Äußerungen, wo sich jemandbloß gibt, wider Wissen und Wille» lediglich aus Mangel an Be»unnung, bei-entwischten Unüberlegtheiten, die man jedoch nur seh»