764 Napoleon
Genüsse, die sie zu theilen nicht lieben. Lange Unterdrückung haksie zurückhaltender, mißtrauischer, verschloßner gemacht, und stet«zu Empörung geneigt. Da« heiße Clima der Insel treibt glühenderund rascher das Blut durch ihre Adern; gesunde Luft und kräftigeNahrung macht stark ihre Körper. Sie lieben ihr Land, weil es ih-nen Alles gewahrt, was dem sinnlichen Menschen behagt, und hin-ter der doppelten Reihe rauher Gebirge, die es umkränzen unddurchschneiden, trotzen sie aller Gewalt, die ihnen hinderlich seynmöchte. Bon ihren Vorfahren haben sie mehr Leidenschaften alsLugenden geerbt, und schon zu der Römer Zeit standen sie i«üblen Ruf. Ein altes Epigramm, das man dem Senecol beilegt,sagt von ihnen: „Ihr erstes Gesetz ist die Rache; das zweite dieNahrung durch Diebstahl, das dritte die Lüge, das vierte Ber-läugnung der Götter." Schon als Knabe scheint Napoleon dieseGesetze sich zu eigen gemacht zu haben. Das Clima seines Vaterlan-des, der Sinn seiner Bewohner wirkten mächtig auf stine Seele«in. Die Theilnahme seines Vaters an den öffentlichen Angelegen-heiten, dessen Freiheitssinn und Haß der Unterjochung, die Bewun-drung und Liebe des Helden Paoli mochten des Knaben Gemüthdurchdringen. Er aber lernte nur Kie Menschen verachten, undGroll und Haß und Rache im Busen verbergen; Luft und Liebe zumKampf wurden eben so vorherrschende Neigung als Paoli's Ruhmnur seine Ehrsucht entzündete. Verschlossen, wie alle, die ihnumgaben, seitdem Franzosen die Insel beherrschten, übte er sich, dieMenschen zu beobachten und selbst der Beobachtung Andrer sich zu«ntziehen, während das gemeinsame Interesse fast zerstört war, nurauf sich zu denken, und das Eigne zu suchen. So gesellte sich der über-mächtigste Egoismus zu innrer, verborgner Leidenschaft. Im Kna-benalter, wo in hingebender Liebe sich alles Schöne entfaltet, wardLer Haß und kalte, berechnende Zurückhaltung um sso sichrer ihmanerzogen, als natürliche Anlage dazu schon in ihm lag. Mar-b o »ufs Wohlwollen scheint dieselbe wenig gemildert, wohl aber dieSelbstsucht gemehrt zu haben, die jede Gunst, woher sie auch komme,begierig ergreift, und den Unterdrücker des Vaterlandes sich zumBeschützer erwirbt. So gestimmt trat Napoleon in die Militärschule«in, mit einem schon viel entschiednern Sinn, als allen seinen jun-gen Gefährten, die er dort fand, eigen seyn mochte. Denn ein au-ßerordentliches Talent entwickelt in außerordentlichen Verhältnissensich zu seltner Sclbstständigkeit. Er mußte das Übergewicht überseine Mitschüler empfinden,; keiner gewann ihm Liebe, freundlicheNeigung, keiner rechte Achtung ab. Er zog sich noch mehr in sichselbst zurück und verachtete, die ihn umgaben. Darum suchte er dieEinsamkeit, war finster, hinbrütend, untheilnehmend, und sein Geist,der schon mit andern Ideen erfüllt war, verachtete die kindischenSpiele seiner Gefährten, wie die Spielenden. Keine freundlicheMittheilung konnte ihn aus dem Vorstellungs - und Phantasienkreis,in den er schon gebannt war, herausreißen, und so bannte er sichselbst immer fester. Dazu wirkten nun auch seine Studien mit. ImKrieg geboren, im ersten Erwachen des Bewußtseyns an Kampfund Schlachtscenen gewöhnt, warf er sich mit entschiedner Neigungauf die Kriegswiffenschaften. Die abstrusesten Lehren der Mathema-tik wurden seine Lust, und weil er sie alle auf Kriegskunst bezog,die der Mittelpunkt seines Lebens ward, hatten sie für ihn einenunerschöpflichen Reiz. Und gerade die Kriegswissenschaft mußte, nach