2io Untgenitus
Unabhängigkeit gegen le Tellier männlich zu behaupten wußte,konnte ein>n so empörenden Gewaltschritt begreiflich machen DieStellen, wo Quesnel im Tone feiner Partei der göttlichen Gnadehs. d. Art.) einen unbedingten und unwiderstehlichen Einfluß aufbds menschliche Gemüth zuschreibt, mochten allerdings allein durchdie Schriften des heiligen Lugustinus zu rechtfertigen seyn; aberwenn die Eonstitution Ünigenitus damit auch Sätze, die auf Rein-heit der Antriebe zum sittlichen Handeln, auf Nothwendigkeitwahrer Gottesliebe zur Tugend und Versöhnung mit Gott, aufAllgemeinheit des Gebrauchs der heil. Schrift, aus Verbesserungder Sitten und gewissenhaftere Führung des geistlichen Amtesdrangen, zusammenwarf und zu lehren verbot, so muhte die Welt«staunen, wie das Oberhaupt der Kirche der jesuitischen Räch»gier und französischen Hvfpolttik so weit hatte nachgeben können,unter seinem Namen er» Manifest wider die Grundwahrheiten derchristlichen Moral ausgehen zu lassen. Denn dafür wurde dieseConstitutivn bald nicht bloß von den Jonsenisten und den zahlrei-chen Freunden des Bevurtheilten, nun um desto begieriger gelese-nen Buches, sondern auch von vielen neutralen Catheliken ange-sehen. Das Parlament, der Cardinal Noailles mit einem großenTheile des französischen Klerus, die Mehrheit der Theologen inder Sorbonne, selbst die französische Damenwelt, der die Constitu-tiov durch Berketzerung des quesnelschen Satzes: „daß eine ge-naue Kenntniß der Religion und heiligen Schrift den Frauen nichtvorzuenthalten sey;" dies erste Recht allen Christen absprach, unddie herrschende Stimmung des Volks brachen in offenen Widerspruchoder geheimen Gegenwirkungen wider dieses jesuitische Machwerkaus,„während die Jesuiten durch den König alle Mittel der Machtund Überredung anwendeten, um es in Frankreich zum Reichsge-setz zu erheben und seine Einführung in allen Diöcesen zu erzwin-gen. Konnte aber auch der große Haufe schwächerer Gemütherdurch königliche Befehle, Bestechungen, Drohungen und Verhaftun-gen einzelner Widerspenstigen von niederm Range umgestimmt wer-den , so war doch gegen das Parlament und den Cardinal aufdiesem Wege nichts auszurichten. Jenes verstand sich nur unterBedingungen, die die Bulle fast ganz entkräfteten, zu ihrer Sin-Keichnung in die Reichsgesetze; dieser wollte sie erst gar nicht, spä-ter nur nach seiner eigenen mildernden Auslegung annehmen undbekannt machen lassen. Während des unter dem Namen der Con-stitutionSstreitrgkeiten bekannten heftigen Kampfes starbLudwig XIV-, ohne den Jesuiten einen vollständigen Sieg ver-schafft zu haben. Die Gaffen von Paris ertönten von Spottlie-dern auf die Eonstitution, deren Namen das leichtfertige Publi-kum einer natürlichen Tochter ihres Überbringers, des päpstliche»Nuncius Bentivoglio beilegte; die gegenseitige Erbitterung sprachsich in Streitschriften aus, die den Parteigeist entflammten;Frankreich theilte sich in Constitutionisten oder Accepran-ten, die die Bulle annahmen und Anticonstitutionisten,Recusanten oder Oppofanten, die sie verwarfen. Unterder Regentschaft, hie den Jesuiten nicht günstig war, wagten esmehrere Bischöfe, denen die Sorbonne und RoailleS beitrat, feier-lich gegen die Annahme der Bulle an ein zu haltendes allgemeinerConcilium zu appelliren, wodurch für die nun bald durch die an-gesehensten Universitäten und geistlichen Csrporsttonen verstärkte