290 Venerische Krankheit
gebracht Worten. Allein durch die genaueste Prüfung ter Kritik er«gibt sich Las Unrichtige dieser Ansicht, so bald sie so nackt hinge-stellt wird. Der erste Schriftsteller, der darauf hindeutete, warein Nürnberger Arzt, Leonh. Schmauß 1518; er stützte seineMeinung auf das inzwischen bekannt gewordene, aus Amerika zu-geführt« Guajakholz, das als ein gutes Heilmittel bekannt wurde,und woraus er den Schluß zog, daß die Krankheit, gegen die esnütze, nothwendig da seyn müsse, wo sich das Mittel fand, indemimmer in der Natur das Gegengift beim Gift liege. Ein Satz, >der vor der historischen Kritik unmöglich besteht, den man abervon mehrern andern gleichzeitigen italienische» und spanischenSchriftstellern wiederholt findet. Am meisten gewann diese Mei-nung besonders durch das Zeugniß vom Sohne des Kolumbus, vomNachfolger desselben, Oviedo; allein der erstere spricht nur von ei-ner grindartigen Krankheit, die in Domingo herrschend seyn soll,der andere aber, ein Tyrann, wie fast alle damaligen Spanier,hat seine Freude daran, diese als das gelobte Volk Gottes, dieAmerikaner als verworfene Philister vorzustellen, und wenn manalles sorgfältig vergleicht, so ergibt sich nur, daß die ganze Mann-schaft der columbschen Escabre eine ansteckende Krankheit mit-brachte, die den größter Theil aufrieb, und sich auch denen mit-theilte, welche mit ihr Umgang hatten, die aber in nichts an-der«,, als der unvollkommenen Sorge für ihre Gesundheit, undden damals ungewöhnlich großen Beschwerlichkeiten einer Seereisezu suchen war, und in keinem Falle die Lustscuche seyn möchte, in-dem diese fast im nämlichen Augenblicke, im Sommer 140z, imsüdlichen Frankreich, in der Lombardei, wie im nördlichen Deutsch- sland war, und Columbüs Flotte erst im April zu Sevilla landete,so daß sie von da aus unmöglich so weit verbreitet, und in einembis zwei Monaten verführt seyn konnte. Andere, von diesen Grün-den überzeugt, suchten daher den Ursprung der Krankheit in derVertreibung der Marranen (heimlichen Juden) aus Spanien, de-ren zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts zwischen den Jahren1485 bis 149z viele Hunderttausende verjagt, und in alleLander Europa's zerstreut wurden. Viele tausend dieser Unglückli- !chen starben ^auf der Seereise nach Italien, Griechenland rc. ander Pest; andere Tausende litten am Aussatz, und sie brachten al-lerdings Krankheit und Elend mit, wo sie, geächtet und verfolgt,hinkamen, die Barbarei der Zeit und der — Christen zst rächen. !Aber daß gerade diese Krankheitsfcrm bei ihnen begründet gewe- jsen sey, kann um so weniger erwiesen werden, da Deutschland jvon dieser Einwanderung frei blieb, und sich die erster« doch j140z gleichzeitig in Halle, Braunschweig, Meklenburg rc. zeigte.Mas nun vollends die Meinung anbetrifft, daß immer venerischeKrankheitszufälle obgewaltet hätten, so läuft dies auf ein Wort- pspiel hinaus, indem krankhafte Erscheinungen an den Aeugungs-theilcn, und die das Wesen der Lustscuche begründen durchaus zwei-erlei Dinge sind, besonders wenn man auf die schrecklichen Er«scheinungen Rücksicht nimmt, die sie damals zeigte, und es bleibt jdaher immer am wahrscheinlichsten, daß die venerische Krankheitdas Produkt einer damaligen epidemischen Constitution sei, diedem allgemein verbreiteten Aussähe diese neue Form gab, daherauch die allen Schriftsteller die venerische Krankheit viele Iah"lang mehr als eine fürchterliche Haut- und Knochenkrankheit, denn