Wolf (Plus Alexander) 6zr
Wo man früher sich mit Nachahmung der gewöhnlichen, Allenleicht erkenntlichen Wirklichkeit begnügte, und mit gewisse» allg»-meinen Darstellungsformen zufrieden war, da will man späterideale Bilder erblicken, und in dem Darsteller einer, wahren See-lenmahler finden. Man besucht das Schauspiel nicht mehr bloß,«m einige Stunden der Erhohlung auf eine leicht ergötzliche Weis«auszufüllen, wobei man sich an einer nur erträglichen Unterhal-tung genügen lassen könnte, sondern man erwartet und soderteine tiefer eingehende Beschäftigung für Geist und Gemüth, eine»Genuß durch Gedanken und Empfindung , man will, was dirPhantasie des Dichters geschaffen hat, nicht nur ganz im Sinnund Geiste desselben wiedergegeben sehen, sondern man meint so-gar vom Schauspieler verlangen zu können ^ daß er den Dichterzuweilen verbessere und seine Dichtung, wo sie mangelhaft er-scheint, vollende' und verkläre. Daß dazu ein hoher Grad vonBildung des Geistes sowohl als von Bildung der Silren, zugleichaber auch mannichsache Kenntnisse und Geschicklichkeiten erfodertwerden, welche sich nicht wie die Kränze, die Antonio in Lass»meint, bequem und mit Gpazierengehn verdienen lassen, leuchtetwohl Zedem «in; denn wie will der Schauspieler sich in Zeitenversetzen, die er nicht durch die Geschichte kennt, wie sich das Seynund Wesen von Personen auch nur auf Augenblicke aneignen kön-nen, deren inneres Leben dem scinigen auf keine Weise entspricht.Mit Recht genießt also der dramatische Künstler, wenn er demMuster sich nähert oder nachstrebt, das so eben angedeutet wor-den, einer hohen Achtung; mit Recht darf er auf eine Stelle inder ehrenden Gesellschaft der Künstler überhaupt Anspruch machen.Er ist keinesmeges bloß ein dienendes Werkzeug eines höher» Ge-fiius (des Dichters nämlich), sonder» selbstschaffeader Geist, ttrgewissen Schranken unabhängiger Bildner. Daß der Künstler, vondem wir hier sprechen, in diese Elaste gehöre, darüber^ ist unterseinen«Zeitgenossen nur eine Stimme, und s» verdient auch sei»Name der Vergessenheit entrissen zu werden. Wolf wurde, soviel uns bekannt geworden, im Kreise einer gebildeten Familiezu Augsburg geboren, nicht zum Schauspieler erzogen, sondernsür den Stand des Gelehrten bestimmt. Daher hatte er sich auchdiejenigen Kenntnisse früh zu erwerben gesucht, welch« ihal aufdieser Laufbahn förderlich seyn konnte», und die es ihm auch inseiner später ergriffenen gar sehr wurden. Mit lebhafter Phan-tasie, tiefem Gefühl, sinnendem Ernste, seiner Beobachtungsgabeund einem scharfen Blick des Geistes ausgerüstet, dabei unterstütztvon einer mehr fein gebildeten als starken und kräftigen Gestaltund einem, all« Nuancen des Gefühls und des Gedankens leichtund ungezwungen bezeichnenden Organe, schien er zum darstellende»Künstler gleichsam von der Natur berufen. Er folgte diesem Rufe,und wir finden ihn seit 1304 als Mitglied der Schauspkelerge»gesellschaft zu Weimar, zu der Zeit, wo sich das dortig« Theaterzu der Kunsthöhe zu erheben begann, auf der es ein Muster sürdie deutschen Bühnen ward, welche den höher« Geist desselben sichanzueignen geneigt oder fähig waren. Da sich zwei der größte»Geister, die Deutschland erzeugt hat, und die beiden ersten drema-tischc» Dichter ihrer Zeit (Schiller und Gsthe), selbst mit derLeitung dieser Bühne angelegentlichst brtchäftigten, so fand «inMan» vp» Wylfs Geist und Talente» »ielfacht Gelegenheit untz