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bestimmten von diesem ausgehend sowohl die Richtung als die Hohe der Brücke. Als Richtungölinie wählten sie denVereinigungspunkt der Thuner- und der Aargauerstraße außerhalb der Stadt, von welchem Punkte sie den Ban ingerader Linie gegen die Gerechtigkeitsgasse oder vielmehr gegen den Vereinigungspunkt der Gerechtigkeits- und derJunkerngafse führten. Diese Linie macht mit der Gerechtigkeitsgasse (Plan VIII) einen etwas weniger scharfen Winkelals die Sinner'sche, ist jedoch noch weit entfernt, in die Are dieser Gasse zu fallen. Da indeß die Brücke nach derAnsicht dieser Herren bloß eine Höhe von 72' über dem niedrigsten Wasserstand erhalten, und also gegen dieGerechtigkeitsgasse mit zirka 4 pM. steigen sollte, so mußte diese Abweichung das Auge weniger beleidigen, als wennder Bau mit außerordentlichem Aufwand horizontal in die Gerechtigkeitsgasse geführt würde. Da diese Linie außerhalbder Stadt vorn Verbindungsknoten der Thuner- und Aargauerstraße ausging, und die Brücke noch niedriger als derVereinigungspunkt dieser Straßen angenommen wurde, so mußte man sich mit der Korrektion dieser letzter,! in keinerBeziehung besassen, und es wurde daher auch der Zugang zur alten Brücke beim untern Thor weder unterbrochen nochverschlimmert. Ein ähnliches Verhältniß zeigte sich auch in der Stadt, wo sowohl die Junkern- als die Gerechtigkeitsgasseohne wesentliche Veränderung beibehalten werden konnten, indem sich die Brücke, welche tiefer als der Vereinigungspunktdieser Gassen lag, durch eine steigende Straße mit denselben verband. Die bedeutenden ökonomischen Vortheile, diemit dieser Annahme verbunden waren, können nicht in Abrede gestellt werden, sie liegen auf offener Hand; dagegenbeseitigte dieses Projekt offenbar nur den Hauptübelstand, und läßt auf beiden Seiten beträchtliche Gefälle, ohne auchnur die Möglichkeit zu gewähren, dieselben wenigstens später wesentlich vermindern zu können. Für diese Linie bearbeitetendie Herren Donegani und Jaquinet ein gemeinschaftliches Projekt (Blatt IX) von drei halbkreisförmigen Bögen von78' Diameter. Die Breite der Brücke wurde zu 38' zwischen den Geländern angenommen, wovon 12' für die beidenFußpfade und 26' für die Fahrbahn bestimmt wurden. Den Mittelpseilern wurde eine Dicke von 15' ertheilt. ZweiBogen übersetzten auch hier, wie bei dem Sinner'schen Entwürfe, mit welchem dieses Projekt überhaupt große Aehnlichkeithat, die Aare, während der dritte zur Kommunikation an der Matte diente. Um sich bei der geringen Höhe der Brückemit den beidseitigen Straßen zu verbinden, wurden Anfahrten mit 4 prCt. Steigung vorgeschlagen. Die an der gleichenStelle ausgeführte Nydeckbrücke ist 8' 6" höher, und hat dessen ungeachtet noch einige Mühe, sich auf eine für dasAuge nicht beleidigende und bequeme Art mit der Thunerstraße zu verbinden, indem die gegen die Brücke angebrachtemöglichst große Abrundung die Länge dieser Straße vermindert und also ihre Gefälle vermehrt. Es würde wohlunzweifelhaft sehr schlecht gestanden sein, wenn die Straße unmittelbar außerhalb der horizontalen Brücke mit einernamhaften Steigung begonnen hätte, um in der Abrundung in ein noch stärkeres Gefälle überzugehen. Es muß daherangenommen werden, daß eine Höhe von bloß 72' nicht entsprochen haben würde. Die beiden Herren Ingenieursrathen indessen, wohl in Berücksichtigung obiger Ursachen, selbst an, die Brücke lieber um 5' 8" zu erhöhen, so daßihr also eine Höhe von 77' 8" zukäme. Die Kosten wurden von den besagten Herren Experten, inklusive obigerErhöhung, zu 874,329 fr. Franken oder 603,283 Schweizerfranken angeschlagen, von welcher Summe 300,000 fr. Frankenfür die Entschädigungen und 100,000 fr. Franken für Aufsicht und Unvorhergesehenes angesetzt wurden. Da dieDimensionen dieser Brücke nicht groß sind, und deßhalb zu derselben größtentheils der in den nahe gelegenen Brüchenvorhandene Sandstein hätte verwendet werden können, so würde eine Summe von zirka 700,000 Schweizerfranken fürdie Ausführung derselben genügt haben, im Fall die veranschlagte Entschädigung nicht wesentlich überschrittenworden wäre.
Für die gleiche Richtung entwarf auch Herr Ingenieur Volpati ein Projekt (Blatt X), welches namentlich inökonomischer Beziehung am besten entsprochen haben würde. Herr Volpati übersetzt das Thal mit fünf halbkreisförmigenBogen von 63' Licht in einer Höhe von 81'/?' über dem niedrigsten Wasserstand. Drei von diesen Bogen waren fin-den Abfluß der Aare, zwei für die Kommunikation auf dem rechten und linken Ufer bestimmt. Obschon dieses Projektnichts Monumentales an sich trägt, so dürfte es sich doch, besonders bei etwas besserer Ausstattung, sehr gut ausgenommenhaben. Die vielen verhältnißmäßig hohen Bogen hätten eine um so bessere Wirkung gemacht, da die drei mittelstenüber den Fluß zu stehen gekommen wären. Der Schifffahrt würden die allerdings etwas zu dicken Pfeiler um so wenigerlästig gefallen sein, weil sie in Richtung und Zahl denjenigen der nahe gelegenen Brücke beim untern Thor entsprochenhätten. Der allgemein verbreitete Wunsch, die Aare mit einem einzigen kühnen Bogen zu übersetzen, bewirkte, daßdieses beachtenswerthe Projekt nie näher untersucht und gewürdigt wurde.
Ohne Zweifel hätten die zwei letztem Projekte und zwar vorzugsweise das Volpati'sche in Hinsicht der Rentabilitätweitaus am meisten Aussicht auf einen günstigen Erfolg dargeboten; aber obgleich dieser Gesichtspunkt gewöhnlich beiauf Aktien gegründeten Unternehmungen vor allem ins Auge gefaßt werden muß, so zogen doch sowohl die Behördender Stadt Bern, welche sich bei dem Unternehmen mit 300,000 Franken betheiligt hatten, als auch die meisten Aktionäreeinen großartigen monumentalen Bau einem größern Ertrage ihrer Aktien vor. Man hatte keine Geldoperation, sondernvor allem die Zierde und Bequemlichkeit der Stadt im Auge. Dieser Sinn, welcher sich über materielle Vortheile znerheben weiß, und der den eigenen Gewinn dem allgemeinen Besten willig zum Opfer bringt, dieser Sinn, welcherBehörden und Bürger von Bern in der frühern Geschichte so häufig auszeichnete, gereicht dieser Stadt auch hier zumLob und zur Ehre, obschon nach unserm Ermessen bedauert werden muß, daß er im vorliegenden Falle, nachdem erdas wohlfeilere verschmähte, nicht zu dem ohne anders besten Projekte des Herrn Mosca überging.
Der Chevalier Mosca, Inspektor des königlichen Geniekorps in Turin, der Erbauer der schönen Brücke überden Po, entwarf für die östliche Seite der Stadt zwei Brückenprojekte, welche sowohl in ästhetischer als technischer
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