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Beziehung nichts zu wünschen übrig lassen, und von welchen wir auf Blatt IX dasjenige mittheilen, welches nachunserm Dafürhalten am ehesten ausführbar gewesen wäre. Herr Mosca geht bei seinen Entwürfen von dem Grundsätzeaus, daß Projekte für öffentliche Bauten den größten Nutzen mit möglichst geringen Auslagen erzwecken sollen.Er faßt also in erster Linie stets den größten Nutzen ins Auge und beachtet die Kosten einzig von diesem Standpunkteaus. Er verwirft also vorerst alle Linien, welche von der Richtung der Gerechtigkeitsgasse mehr oder weniger abweichen,und kann sich selbst mit der von Herrn Architekt Osterrieth vorgeschlagenen, von der Are dieser Gasse nur sehr wenigabgehenden, nicht befreunden. Demnach stellt er, getreu diesem seinem Grundsätze, seine Brücke genau auf die Linieder Gerechtigkeitsgasse, und läßt sich hievon weder durch örtliche Schwierigkeiten, noch durch außerordentliche Kostenabschrecken (Blatt VIII). Es läßt sich wohl nicht in Abrede stellen, daß sich der Eingang in die Stadt auf dieser Linieam großartigsten und besten hätte ausnehmen müssen, und zwar um so mehr, weil sich hier der Bau freier als anirgend einem andern Orte auf jener Seite der Stadt herausstellte, und weil das Profil hier auf beiden Seiten derAare mehr Gleichförmigkeit zeigte, als auf allen andern vorgeschlagenen Richtungen. Daß Herr Mosca seine Brückezur möglichsten Vermeidung jeder Kontrependenz so hoch als immer möglich Projektilen mußte, lag sowohl in dem vonihm angenommenen Grundsatz als in der gewählten Linie. Wie hätte sich jener Geist, der bei der Wahl dieser letzter»jeder Schwierigkeit spottete, bei der wichtigen Ausmittlung des Gefälles mit halben Maßregeln begnügen können! DieGroßartigkeit der angenommenen Richtung hätte jedes unnöthige Gegengefälle doppelt hervorgehoben und dem allgemeinenTadel preisgegeben. Es sollte sich daher die neue Brücke 64 Fuß über das Pflaster der alten oder 92 Fuß über denniedrigsten Wasserstand erheben. Eine größere Höhe konnte der Brücke, wenn die Vereinigung der Junkern- undGerechtigkeitsgasse beibehalten werden sollte, nicht wohl ertheilt werden.
Die gewählte Linie sowohl als die angenommene Höhe bedingten die Projekte des Herrn Mosca in mannigfachenBeziehungen. Da die erstere ganz nahe (Plan VIII) bei der alten Brücke, welche zwei gewaltige Mittelpfeiler hat,vorbeiführt und überdieß ziemlich schief gegen den Strom zu stehen kommt, so veranlaßte sie Herrn MoSca, die Aareohne Rücksicht aus ökonomische Verhältnisse mit einem einzigen kühnen Bogen zu übersetzen. Da ferner durch die gewählteLinie und Höhe der Brücke die Kommunikation der untern Stadt mit der obern auf dem bisherigen, allerdings sehrbeschwerlichen Wege gänzlich aufgehoben wurde, so mußte auf eine neue Verbindung Bedacht genommen werden. HerrMoSca bringt zwei Vorschläge hiefür. Er will aus der Nordseite der Stadt, etwas oberhalb dem Morell'schen Projekt,ein Zickzack herstellen (welchem er der Symmetrie wegen die Gestalt eines Andreaskreuzes gibt), und dasselbe sowohlmit der Postgasse als auch mit der GerechtigkeitS- und Junkerngasse in Verbindung bringen. Da diese Straße dieKommunikation bedeutend verlängert hätte, so scheint uns der zweite Vorschlag angemessener, nach welchem der untereTheil des Staldens beibehalten worden wäre. Nach diesem Projekte sollte bei Nr. III, wo die Anfahrt der neuenBrücke die alte Staldengasse durchschneidet, diese letztere um 5' tiefer gelegt, und so unter der überwölbten Brückenanfahrtdurchgeführt werden. Hiedurch wäre das Gefalle des untern Theiles des Staldens um 1 prCt. verringert worden, währendder obere Theil desselben mit einem Gefalle von mehr als 10 PrCt., durch Anlegung einer neuen, halbkreisförmigenStraße mit 5 prCt. Steigung, gänzlich beseitigt worden wäre.
Die Aare übersetzt Herr Mosca in dem vorliegenden Projekte mit einem schönen elliptischen Bogen von 180'Licht und 53' Pfeilhöhe. Die Spannung wurde zu 180' angenommen, um die Aare in ihrer schiefen Richtung,unmittelbar oberhalb der alten Brücke, durchaus nicht zu beengen. Der Bogen wurde auf 28' hohe Pfeiler gestellt,um ihn erst oberhalb dem Niveau der alten Brücke anzufangen, indem er sonst theilweise durch dieselbe verdeckt wordenwäre. Links und rechts vom großen Bogen wurden drei kleine halbkreisförmige Bogen von 25' Licht angebracht, vonwelchen je der mittlere zur Verbindung der dortigen Straßen und Gassen hätte dienen sollen. Diese Arkaden geben derBrücke offenbar eine leichte und gefällige Form und beben durch ihre mäßigen Dimensionen das Riesenhafte desHauptbogens erst gehörig hervor. Die Breite der Brücke wurde zu 43' angenommen, wovon 25' für die Fahrbahnund je 7' für die beiden Fußpfade bestimmt wurden. Das Geländer erhielt eine Stärke von 2'. Der Entwurf hat beiseiner Einfachheit eine Größe und Harmonie, welche ihm unstreitig den Vorzug vor allen andern in Vorschlag gebrachtenProjekten sicherten. Sowohl in der Richtung und in der Höhe als in sämmtlichen Anordnungen ist er so großartig undentschieden, daß sich Bern bei seiner Ausführung ein bleibendes Denkmal gesetzt hätte, welches ihm stetsfort zur Ehreund zum Ruhme hätte gereichen müssen. — Die Brücke sollte innerhalb den vier Wachthäusern ganz horizontal angelegtund außerhalb denselben die Anfahrten auf der Stadtseite so eingerichtet werden, daß die Steigungen der Gerechtigkeitsgasseaus jeden Fall unter 4 prCt. reduzirt worden wären. Auf der Landseite endigte die Anfahrt in einen großen rundenPlatz von fast 200' Durchmesser, von welchem zwei symmetrisch angelegte Straßen nach der alten Brücke führten, währendzwei andere ebenfalls in symmetrischer Ordnung von hier aus gegen Thun und Zürich sich wandten. Von diesem bedeutendhoch gelegenen Platze hätte die Thunerstraße leicht so angelegt werden können, daß ihr Gefalle unter 4 prCt. gebrachtworden wäre. Um eine gleiche Verminderung des Gefälles auch für die Zürcherstraße zu erhalten, hätte dieselbe entwedergegen den Altenberg hin gezogen, oder aber zuerst mit der Thunerstraße flußaufwärts und dann vermittelst eines Kehrsin die bisherige Richtung geführt werden müssen.
Offenbar hätte dieses großartige Unternehmen sowohl in ökonomischer als in andern Beziehungen nur dannverwirklicht werden können, wenn sich die Behörden des Staates und der Stadt hiezu aufrichtig die Hand gebotenhätten. In diesem Falle würde Bern eine der schönsten Brücken und der prachtvollsten Eingänge erhalten haben, dieman irgendwo findet, und es wären die beschwerlichen Anfahrten außerhalb der Stadt und mit ihnen dasBedürfniß, in der Tiefenau eine neue Brücke auf Staatskosten zu bauen, weggefallen. Es ist sehr zu bedauern,