16
Der Kalkstein von Merligen am Thunersee hat sehr viele Aehnlichkeit mit demjenigen, welcher beim NeuhauSgebrochen wird, nur ist er in der Regel etwas harter und dürste daher eher eine größere Festigkeit darbieten. Da nunaber die angestellten Proben das entgegengesetzte Resultat liefern, so ist zu vermuthen, die untersuchten Merligerstückeseien entweder beim Behauen beschädigt worden, oder aber zufälliger Weise sonst von etwas schlechterer Qualität gewesen.
Auch der Granit dürste nach unserm Ermessen eine viel größere rückwirkende Festigkeit zeigen, wenn Stückebester Qualität ausgesucht würden. Da diese Steine nur aus Findlingen gewonnen werden, so zeigt sich einaußerordentlich großer Unterschied in der Dauerhaftigkeit und Festigkeit derselben, je nach der Wahl der Stücke. Auchsollen die der Probe unterworfenen Würfel auf dem Schraubstock bearbeitet worden sein, wodurch sie leicht mehr oderweniger Schaden genommen haben dürften.
Während geeignete Steinbrüche für den Bau aufgesucht und die Materialien geprüft wurden, trachtete dieDirektion, sich auf gütlichem Wege, jedoch zu möglichst billigem Preise, in den Besitz derjenigen Häuser und Proprietärenzu setzen, die des Baues halber erworben werden mußten, was ihr auch größtentheilS gelang.
Beim Neuhaus, am obern Ende des Thunersee's, glaubte man einen zu einem Steinbruch tauglichen Kalkfelsengefunden zu haben. Die Ortschaft Jnterlaken, welcher der Felsen gehörte, ertheilte der Direktion bereitwillig die Erlaubniß,gegen Vergütung des verursachten Schadens an dieser Stelle die für den Brückenbau erforderlichen Quader brechenzu dürfen. Ueber dem Kalkstein lag in mäßiger Höhe der Tavelianasandstein, welcher sich znr Bereitung von hydraulischemKalk geeignet zeigte. Unter diesen Verhältnissen schien die Eröffnung eines Steinbruchs an dieser Stelle Vortheilhast zusein; da es sich aber bald zeigte, daß der Tavelianasandstein keinen guten hydraulischen Kalk liefere, und daß imKalkfelsen das Brechen von Quadern schwierig und kostspielig sei, weil derselbe keine geordneten Schichten hatte, sondernwild verworren und theilweise selbst etwas zerklüftet war, so wurde dieser Bruch, nachdem er kurze Zeit benutzt worden,um so bälder wieder verlassen, weil man die für die Fundamente der Brücke und ihre Anfahrten erforderlichen Bruchsteinebesser und zu ähnlichen Preisen in schon eröffneten Brüchen an den Ufern des Thunersee's fand, von wo sie seitvielen Jahren zu bestimmten Preisen zu Schiff nach Bern geliefert werden.
Am Schlüsse des Jahres 1839 erwählte die Direktion den Herrn R. Wurstemberger, welcher in Frankreich bei einerwichtigen Kanalbaute angestellt war, zu ihrem Ingenieur, welcher sodann an den von Herrn Ferry zusammengestelltenPlänen im Einverständniß mit der Direktion die obbesagten, nicht wesentlichen Abänderungen anordnete, und eineBaubeschreibung, einen Devis und ein Vorschristenhest entwarf, welche von der Direktion genehmigt wurden. AlsGehülfe und Substitut wurde später obigem beigegeben Herr Architekt G. Hebler, welcher mit dem vom Unternehmerangestellten Herrn Ingenieur Hegner die Messung der ausgeführten Arbeiten besorgte und die daherigen Situationsetatsentwarf. Herr Hebler entwickelte in seiner Stellung viele Thätigkeit, Pflichttreue und Sachkenntniß. Als unmittelbarenAufseher (Polier) stellte die Direktion einige Zeit Herrn I. R. Hürsch von Zofingen im Kanton Aargau an, derwährend der Herstellung des Pfahlrostes im Winter von 1841 in den Dienst des Unternehmers übertrat. Unter demNamen dieses Herrn Hürsch kam in der allgemeinen Bauzeitung von G. L. Förster, Jahrgang 1843, eine Baugeschichteder Nydeckbrücke heraus, die jedoch viele irrige Angaben enthält.
Während die Direktion mit Thätigkeit alle Einleitungen zum Beginn der Arbeiten traf, brachte plötzlich undunerwartet die inzwischen vom Großen Rathe dem Herrn Oberst Buchwalder ertheilte Konzession zum Bau einerDrahtbrücke beim Kornhaus (wovon wir oben Erwähnung gethan) einige Stockung in den Gang der Vorarbeitenzum Nhdeckbrückenbau. Bald aber entschloß sich die Direktion, dessen ungeachtet ihre Arbeiten fortzusetzen und sie, umdie drohende Konkurrenz wo möglich zu unterdrücken, nach Kräften zu beschleunigen.
Im Frühling des Jahres 1840 wurde der Bau ausgeschrieben, von jedem Bewerber jedoch gefordert, daß ersich über die nöthigen Fähigkeiten ausweise; ferner, daß er sich verpflichte, den Brückenbau nach den daherigen Plänen,Devisen, Baubcschreibung und Vorschriften auf seine eigene Gefahr und Kosten um die in seinem Angebotausgesetzten Preise auszuführen, und hiefür eine Kaution von sechzigtausend Schweizerfranken zu stellen, und endlichdie Arbeiten spätestens zwei Monate nach der Hingabe des Baues zu beginnen.
Nach der Berechnung deö Herrn R. Wurstemberger sollte die Brücke ohne Entschädigungen und ohne Flügelmauernund Pavillons die Summe von 604,275 Schweizerfranken kosten.
Die bis den 14. Juni 1840 eingelangten vier Angebote zeigten nicht bloß keine Verminderung der angesetztenPreise, sondern im Gegentheil sämmtlich eine namhafte Erhöhung derselben. Wir theilen diese Angebote in der BeilageNr. 2 im Detail mit und bemerken hier bloß, daß nach denselben der Bau unter Voraussetzung der Richtigkeit dervon Herrn Wurstemberger angefertigten Vorausmaße folgende Summen hätte kosten sotten.
Nach dem Angebot des Berner Bauvcreines . . 922,584 Schweizerfranken.
„ „ „ von Herrn Architekt Ed. Stettler . 895,536 „
„ „ „ von Herrn Architekt Halter . . 786,674 „
„ „ „ von Herrn Ingenieur K. E. Müller 665,095 „
Wenn die Baukosten, abgesehen von den nicht in der Berechnung enthaltenen Arbeiten, bei den nach dem letztenAngebot im Vertrag festgesetzten Preisen die obige Summe sehr bedeutend überstiegen, so rührte dieß nicht ausschließlichvon den nicht genau angefertigten Vorausmaßen her, sondern dieser Unterschied wurde zum Theil durch Abänderungenin den Anordnungen des Baues, durch die Wahl besserer Baumaterialien und durch unerwartete Terrainschwierigkeitenbei der Fundation, die man wegen mangelhafter Vorarbeiten nicht vermuthete, herbeigeführt.
Nachdem die Angebote durch die Direktion untersucht waren, schlug dieselbe den Herrn Ingenieur Müller, der