Das
Rösten.
Thauröste.
616 Sechste Gruppe. Bekleidungsgewerbe.
um bloße Auflösung eines die Fasern verbindenden Klebmittels, sondern um Lo-ckerung, Trennung, selbst Auflösung von Zellenschichten, wozu allerdings die che-mische Umsetzung des Zelleninhaltes, also des Klebers u. s. w. das Hauptagensabgiebt. Es dürfte wohl in der bereits erwähnten Erfahrung — wonach infaulenden Pflanzentheilen, z. B. Kartoffeln, eine Art Ferment entwickelt wird,welches bei sonst indifferentem Charakter sich eben durch Fähigkeit auszeichnet,die Zellenwände aufzulösen (Mitscherlich) — die Hauptrichtung angedeutetsein, in welcher die chemischen Einflüsse bei der Bearbeitung des Flachses wirken.
Wie sich leicht denken laßt, hat man nach und nach verschiedene Wege auf-gesucht, um die bezeichnete Trennnng der Bastfaser von dem übrigen auf eineschickliche Weise zu bewerkstelligen. Sie unterscheiden sich hauptsächlich darin,daß einige Methoden — und dies sind gerade die seit unvordenklichen Zeiten undnoch immer fast ausschließlich gebräuchlichen — auf derjenigen freiwilligen Zer-setzung fußen, welche alle Pflanzentheile unter dem Einfluß von Luft und Wassererfahren, wahrend die anderen Methoden chemische Agentien von Außen zu Hülfenehmen. — Die ersteren nennt man das »Rösten-- oder »Rotten--, die an-dern aber die Zubereitung ohne Röste. — Die Röste kann entweder so*gleich mit den frischen gerauften Stengeln (grüne Röste) oder, wie gewöhnlichgeschieht, zu einer passenden Zeit nach der Ernte mit den trockenen Stengeln g^schehen.
Schon die einfache Wahrnehmung, daß Pflanzenstengel, welche im Freienaber unter Umständen liegen bleiben, wo sie nicht eigentlich vermodern können,allmälig auswittern, ihre extractiven Theile abgeben, bleichen und zu einemwissen Zeitpunkt fast nur noch aus blvßgelegtcm Bast und Holztheilen bestehen,die sich leicht trennen lassen, — mußte auf die sogenannte »Thauröste« fuß-ren. Sie ist die einfachste Form der Röste, denn sie besteht lediglich darin, daßman die geriffelten Stengel reihenweise in dünne Lagen auf dem Felde ausbreitet.Auf die bloße Erde gelegt, würde die Röstung jedenfalls ungleich ausfallen, odergar der Stengel sammt der Faser zu Humus vermodern; es ist darum unbedingtnöthig, zur Röste entweder ein Stoppelfeld oder noch besser, einen nicht zu feu^ten, kurzen Rasen zu wählen und die Stengel fleißig umzuwenden. Durch bZusammenwirken von Feuchtigkeit und Luftsauerstoff gehen die Saftbestandthe>in Zersetzung über, sie verwesen; die Verwesungsproducte werden durch Regenund Thau ausgelaugt, die Theile gelockert, bis zuletzt der Zustand erreicht ifi, ,nwelchen sich der noch unangegrissene Bast von dem Holzkerne trennen laßt. &natürlich wird diese Verwesung um so rascher verlaufen und die Dauer der Rdlum so kürzer sein, je häufiger nasses und trockenes Wetter mit einander wechst ^und je wärmer die Luft ist, doch wirkt anhaltende Nässe weit weniger verzogt"als anhaltende Trockne. Es erklärt sich daraus, daß die Reife der gerofle ^Stengel mitunter schon in 14 Tagen, aber auch oft erst nach 8 Wochen _ c ' n ^\ 1SWenn auch nicht in Abrede gestellt werden kann, daß die Thauroste vielVerlust verursacht und gern ungleichförmig ausfällt, so hat sie doch den 0T ^ ((idaß die zersetzten Pflanzenstoffe alsbald aus dem Bereiche der Faser entfernt ^den, und den noch bestimmteren Vorzug, daß sie vermöge ihres langsamenges, sicherer als die Wasserröste vor Ueberröstung schützt.