Buch 
Die Erweiterung und Vervollkommnung des deutschen Gewerbsbetriebs, ein Mittel zur Herstellung des richtigen Verhältnisses zwischen Bevölkerung und deren Bedürfnisse, mit besonderer Rücksicht auf das Grossherzogthum Hessen : eine Denkschrift für jeden wahren Vaterlandsfreund / von Ludwig Wilkens
Entstehung
Seite
347
JPEG-Download
 

347

Es ist über allen Zweifel erhaben, daß die Jahre der Kind-heit zu den einflußreichsten des ganzen Lebens gehören, die erstenEindrücke, der Jugend bezüglich des sittlichen Zustandes des Schülersauf seinem ganzen Lebenspfade unauslöschliche Spuren zurücklassen.Ebenso entschieden sollte es aber auch sein, daß diese Heranbildungin jeder Beziehung mit der Confirmation, mit dem Eintreten indie Gemeinschaft der christlichen Kirche keineswegs abgeschlossen ist,daß mit dem Heraustreten aus der Schule, im eigentlichen Sinnedes Worts genommen, das Erlernte nicht wieder größtentheils zuverlernen ist, vielmehr die zweite Erziehung beginnt, die währenddes Jünglingsalters ebenso wesentlich, als die frühere sich zeigt; siehat zur schönen Aufgabe die erzielten Früchte dem Leben zu erhalten,zu sichern, sie zu noch üppigerem Gedeihen zu bringen, sie muß ge-gen die ersten Stürme der Leidenschaften kämpfen und den Jüng-ling mit den ersten Erfahrungen des Lebens vertraut machen. Inder für die Ausbildung so wichtigen Zeit vom 14. bis 18. Lebens-jahr darf weder der Jüngling noch die Jungfrau gänzlich ohne alle(wenn auch scheinbar unmerkliche, das natürliche Streben nachSelbstständigkeit nicht verletzende) Leitung gelassen, es muß in die-ser Zeit die Schule mit dem Leben vereint werden. Die Pflichtder Lehrer ist es aber, ihren Schülern bei guter Zeit den Geschmackam Lernen beizubringen und denselben fest einzuprägen, daß, wennsie nach ihrem Abgang aus der Schule, so weit es ihnen möglichist, nicht jede Gelegenheit zu ihrer Fortbildung benutzen, sie auchdas wenige Gelernte wieder vergessen und unfähig werden zu einemtüchtigen Staatsbürger.

Nicht dringend genug kann auf die Wichtigkeit der Lehr-zeit, auf die Wahl des Gewerbes und des geeignetstenLehrherrn aufmerksam gemacht werden. Die Lehrzeit zeigt sichfür den jungen Handwerker.als eine Zeit der Prüfung, wo er sichzur Tugend oder zum Laster hinwendet, je nach der Denk- undHandlungsweise des Meisters, in dessen Hände er fällt und der Ge-sellen, in deren Mitte er gerade so einflußreiche Jahre seines Da-seins verleben soll. Es möchte gerade hier für unser Großherzog-thum Hessen insbesondere die Thätigkeit des Gewerbshülfsvercinssich höchst segensreich zu zeigen im Stande sein. Wie häufig wirddem Lehrjungen die Liebe zu seinem Gewerbe, zu seinem ganzen zu-künftigen Lebensberufe durch die Rohheit und Ungeschliffenheit seines