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Die Erweiterung und Vervollkommnung des deutschen Gewerbsbetriebs, ein Mittel zur Herstellung des richtigen Verhältnisses zwischen Bevölkerung und deren Bedürfnisse, mit besonderer Rücksicht auf das Grossherzogthum Hessen : eine Denkschrift für jeden wahren Vaterlandsfreund / von Ludwig Wilkens
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sowie in der Zucht und dem Beschneiden der Bäume, z. B. jederArt von Spalier- und Zwergbäumen (deren Cultur in einem wei-ten Umkreise von Paris von den Landleutcn auf freiem Felde zurErzielung der feinsten Obstgattung vorzugsweise angewendet wird)erhalten. Namentlich empfangen sie in diesem Garten auch Unter-richt in der Zucht und Behandlung der MaulbeerbLume undHecken (wodurch, wie wir wissen, ja in so hohem Grad die Leh-rer selbst demnächst ihre Einnahme erhöben könnten).

In den erstgenannten drei Schulen wird unter der Aufsichtausgezeichneter Seminarlehrer das Unterrichten der Kinder praktischgelehrt. Die Anstalt beschränkt übrigens ihre Wirksamkeit nicht bloßauf die Erziehung von künftigen Schullehrrrn, sondern sie sucht auchden bereits angestellten als Fortbildungsschule zu dienen. Der freieRaum ihrer Gebäude und ihre Geldmittel erlauben ihr jährlich etwa60 Schullehrer vom Lande über die Aerndtczeit, wo die Schulender letzteren doch jedesmal verlassen sind, aufzunehmen und kosten-frei zu verpflegen, um ihnen in den Musterschulcn, welche dasSchullehrerseminar für die Kinder aus der Stadt hält, ein Beispielvor Augen zu stellen. Diese Gelegenheit zu ihrer weiteren Ausbil-dung wird von den Landschullehre n auch in der That benutzt. Ichsollte denken, diese wäre so eine Anstalt, die man uns Deutschenals nachahmungswürdiges Muster vorführen könnte.

Es dünkt mir übrigens, daß wenigstens ebensoviel, als in derdermaligen noch bestehenden Einrichtung der meisten deutschen Se-minarien, in der Schuld der einzelnen Lehrer es liegt, fällt die vonihnen gesäete Saat als Frucht nicht nach Wünschen aus. Ich ver-kenne durchaus nicht die Drangsale dieses mühseligsten, aber auchehrenwerthesten aller Stände, aber ich weiß auch nur von zu vielen,daß sie wegen so vielfältiger Unannehmlichkeiten ihren Beruf nichtmit der gehörigen Liebe pflegen, ihn nur als Last betrachten, dersie sich nun einmal behufs ihrer Existenz unterziehen müssen. Schlagtauf Eure Brust, fragt Euer Inneres und Ihr Herren Lehrer müßtzugeben, daß nicht wenige unter Euch sind, die auf dem flachenLande, ihre Arbeit mit dem Beibringen des Lesens, Schreibens,Rechnens, vielleicht auch etwas Zeichnen und dem geisttödtendenAuswendiglernen von Gesängen und Sprüchen für abgethan halten,denen einerseits die Erziehung des inneren Menschen bei ihren Zög-lingen, welche ihren Charakter ausbildet, ihre Vernuft erleuchtet und