534 Thierische Gewebe.
so ist ein Gewebe, welches sich daraus entwickelt, nach ihrerAnsicht aus Zellen entstanden. Die Zelle kommt hier nur nichtzur Entwickelung, aber ihr wesentlicher Bestandtheil, der Kern,ist doch vorhanden, und aus dem Kerne bildet sich anstatt einesBläschens eine Primitivfaser.
Man sieht, daß es sich hier um einen Wortstreit handelt.Bei so kleinen Körpern wie die Zellenkerne, läßt sich nicht mehrmit Bestimmtheit entscheiden, ob die Kerne wirklich hohle Bläs-chen sind; wir sehen kleine runde Körperchen, über deren Naturdie Beobachtungen noch weiter kein Licht verbreitet haben.
Nimmt man hinzu, daß bei der Entwickelung vieler thieri-scher Gewebe zu Anfang nichts Anderes als solche Kerne wahr-genommen wird, und daß dasjenige, was daraus gebildet wird,ohne deutlich erkennbare Zelle zu Stande kommt, so ergiebt sich,daß die animalischen Gewebe weit entfernt sind, die allgemeineGültigkeit derjenigen Gesetze zu bethätigen, nach denen wir diePflanzengewebe sich bilden sehen, daß vielmehr bei der Entwicke-lung der verschiedenen Gewebe vom Beginn bis zur Vollendungderselben die größte Mannigfaltigkeit herrscht. Auch die Beschaf-fenheit der Organe der Thierwelt weicht wesentlich von der derPflanzenorgane ab; die Stoffe, woraus sie bestehen, sind untersich sehr verschieden, und in Folge dieser Verschiedenheiten zeigtsich in den thierischen Geweben eine Reihe von eigenen Entwi-ckelungszuständen, welche durch die Zellentheorie nicht vollkommenerklärt werden können.
Sogar in demselben thierischen Gewebe findet man bei dessenEntstehung nicht immer bloß eine eigenthümliche Entwickelungs-art, sondern oft mehrere zugleich: Zellenbildung mit und ohneKerne, Erzeugung anderer Elementartheile ohne vorangegangeneZellenbildung.
Es entstehen im Thierreiche keine Zellen ohne die Substanz,welche das Material dazu liefert. Sie führt den Namen Cyto-blastem; bei den Pflanzen entspricht ihr die Substanz, welcheMirbel Cambium nannte.