Verwandtschaft, chemische.
228
Gasen nach festem Verhältniss, wo der Aggregatzustand abgeändertwird oder beiFortdauer des Gaszustandes das Volumen der Verbindungfür eine gewisse Temperatur und einen gewissen Druck keineswegsimmer so einfach sich aus dem, was in dieser Beziehung für die Be-standtheile gilt, ableiten lässt, wie dies für Mischungen der Gase derFall ist, oder wo die Farbe, die Löslichkeit u. s. w. der Verbindungeine ganz andere ist, als die der Bestandteile; anders bei den Ver-bindungen fester und tropfbar-flüssiger Körper unter sich und mit gas-förmigen Körpern, wo, wie schon oben erinnert, die Hindernisse derHerstellung eines gleichartigen Ganzen, welche in der Cohäsion festerKörper, der Elasticität von Gasen, der Ungleichheit des specifischenGewichtes der sich verbindenden Substanzen u. s. w. liegen, überwun-den w r erden müssen. Die Bildung von Gasmischungen betrachtet manals ohne Mitwirkung der chemischen Verwandtschaftskraft vor sichgehend, die Gasmischungen selbst auch nicht als chemische Verbindun-gen (vergl. Verbindungen S. 161 dieses Bandes).
Chemische Verwandtschaft im Allgemeinen bedeutet also die Kraft,welche chemische Verbindungen überhaupt entstehen und bestehenlässt. Unter chemischer Verwandtschaft versteht man aber auch oftspeciell die Fähigkeit einer Substanz, mit einer anderen in chemischeVerbindung zu treten und darin zu beharren, und spricht in diesemSinne von der ungleich grossen Verwandtschaft, welche eine Substanzgegenüber verschiedenen anderen Substanzen zeigen kann.
Nach der eben gegebenen Definition der chemischen Verwandt-schaft beruht auf ihr die Bildung und das Bestehen der chemischenVerbindungen nach festen Verhältnissen und nach veränderlichen Ver-hältnissen (vergl. bei Verbindung S. 162 dieses Bandes); eineAnnahme verschiedener Kräfte für beide Arten von Verbindungen(vergl. S. 242 f.) lässt sich nicht begründen. Als die Kraft, welche Un-gleichartiges zu einem gleichartigen Ganzen vereinigt, ist sie verschie-den von der Cohäsionskraft, durch welche gleichartige kleinere Theilezu einem grösseren gleichartigen Ganzen vereinigt sind, und von derAdhäsionskraft, welche ungleichartige Theile zu einem ungleichartigenGanzen vereinigt sein lässt; als eine Kraft, welche nur auf Körper beiunmittelbarer Berührung derselben wirkt, ist sie verschieden von derallgemeinen Anziehung, welche zwischen den Körpern, auch wenn diesevon einander entfernt sind, stattfindet.
Ueber das Wesen der Verwandtschaftskraft ist wenig mit Sicher-heit bekannt. Eine übergrosse Zahl von Erfahrungen über die "Wir-kungen dieser Kraft in einzelnen Fällen liegt vor, aber die Erkennt-nis beschränkt sich auch fast ganz auf das empirisch Wahrnehmbare,die Erfolge der Wirksamkeit der Verwandtschaft, und hat noch nichtmit einiger Sicherheit auf die Natur dieser Kraft und ihre Wirkungs-weise schliessen lassen; wir wissen für viele Fälle, was die Verwandt-Schaftskraft bewirkt, aber nicht wie sie dies bewirkt. Es mag hier zu-nächst dargelegt werden, was man in Beziehung auf Verwandtschafts-erscheinungen empirisch erkannt hat, so weit sich dies unter allgemei-nere Gesichtspunkte ordnen lässt.
Die Verbreitung der Verwandtschaft, als des Vermögens i»chemische Verbindungen einzugeh.-n, erstreckt sich auf chemisch unzer-legbare und auf nachweisbar zusammengesetzte Körper. Es ist kein An-