Verwandtschaft, chemische. 229
haltspunkt gegeben, von vornherein auf die Unmöglichkeit der Verbind-barkeit zweier Körper unter allen Umständen zu schliessen. Für vieleKörper kennen wir allerdings keine Verbindungen derselben, aber dieneuere Chemie hat viele Verbindungen dargestellt, welche früher unbe-kannt waren, und noch unbekannte mögen später dargestellt werden;für zusammengesetzte Körper, welche sich gegenseitig zersetzen, kanndie Verbindbarkeit bezweifelt werden, aber auch, ob nicht unter jetztnoch nicht bekannten Umständen doch eine Verbindung derselben sichbilden und bestehen könne. Die chemische Verbindbarkeit aller Körper,oder das Begabtsein aller Körper mit Verwandtschaft, kann theoretischkaum bestritten werden; die Grenze, bis zu welcher die hiernach mög-lichen immer complicirter zusammengesetzten Verbindungen noch Verbin-dung mit anderen Körpern unter gewissen Umständen zeigen mögen, isttheoretisch nicht bestimmbar, und die Zahl der bekannten Verbindungenist eine stets wachsende. Aber mit dem Complicirterwerden der Zu-sammensetzung der Verbindungen scheint allerdings ihre Geneigtheitoder Fähigkeit, wiederum in noch zusammengesetztere Verbindungeneinzugehen, im Allgemeinen abzunehmen und damit doch eine Grenzefür die Verbreitung der Verwandtschaft angedeutet zu sein. Auch waseinfacher zusammengesetzte oder selbst unzerlegbare Körper betrifft,zeigen sich keineswegs alle in gleichem Grad geneigt oder fähig, mitanderen sich chemisch zu vereinigen und Verbindungen, welche- theo-retisch als möglich erscheinen (es kommt hier nur die qualitative Zu-sammensetzung der Verbindungen in Betracht), zu bilden. Unter denElementen ist für den Sauerstoff eine viel grössere Zahl und Mannig-faltigkeit der Verbindungen bekannt, als für viele andere; unter denzusammengesetzten Körpern ist namentlich das Wasser durch die Ver-wandtschaft zu den verschiedenartigsten anderen Substanzen, welchees durch das Eingehen von Verbindungen erkennen lassen kann, aus-gezeichnet.
Für die Aeusserung derVerwandtschaft in der Bildungvon Verbindungen ist unmittelbare Berührung der Körper, um derenVereinigung es sich handelt, nothwendig. Die unmittelbare Berührungund zwar in so viel Punkten, dass der Verwandtschaftseffect bemerkbarwird, ist nur selten möglich zwischen zwei festen Körpern; in einzelnenFällen lässt sich chemische Verbindung zweier fester Körper durch,Zusammer.reiben derselben bewirken. Gewöhnlich wird die unmittel-bare Berührung in der Art vermittelt und befördert, dass man einenoder beide Körper, welche auf einander wirken sollen, in den (tropfbar-oder elastisch-) flüssigen Zustand bringt, entweder durch Erwärmen desKörpers für sich oder durch Verflüssigung mittelst eines Lösungs-mittels. — Nicht bloss für die Einleitung der chemischen Verbindungzwischen zwei Körpern, sondern auch für die Vollendung derselben istUnmittelbare Berührung der noch nicht verbundenen ungleichartigenSubstanzen nothwendig, und die Anwendung eines Lösungsmittels dientauch in vielen Fällen dazu, die durch Verwandtschaft zweier Substan-zen zu einander hervorgebrachte Verbindung von der Vereinigungs-stelle wegzuführen, so dass immer neue Mengen jener Substanzen zurEinwirkung auf einander kommen.
Dass von gasförmigen und von festen Körpern eine grössereMenge in unmittelbare Berührung mit einer Substanz komme, welche