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Die antiken Gold- und Silber-Monumente des K.K. Münz- und Antiken-Cabinettes in Wien / beschrieben von Joseph Arneth
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Hierüber erhielt ich folgendes Schreiben von einem höchst achtbaren Gelehrten, derfreilich aus übergrosser Bescheidenheit damit nicht zufrieden, es für ungenügend hielt, dasmir aber so merkwürdig vorkömmt, dass ich glaube, es wäre ein Verlust für die Wissen-schaft, wenn es unbekannt bliebe. Es lautet:

«Die von Ihnen an S. M. übersandten schönen Abbildungen von den berühmten Gold-gefässen in Ihrer herrlichen Sammlung habe ich lange und oft besehen.

«So weit ich und einige meiner Freunde bemerken können, ist beinahe alles, wasmit den Verzierungen und zugleich mit diesen gearbeiteten Inschriften in Verbindung steht,ausser Verwandtschaft mit Runen, und ist von der Art, die mit verdorbener byzantinischerund anderer doch nicht sehr alter Schrift in Beziehung steht; dagegen ist alles, was nurmit einer spitzen Nadel nachher eingeritzt ist, mit Runen verwandte Schrift.

«Ich brauche nicht zu sagen, dass diese eingeritzte Schrift wahrscheinlich nicht vonden Urhebern, sondern von spätem Besitzern herstammt, und dass wir ähnliche mit einerspitzen Nadel eingegrabene Inschriften auf mehreren im Norden gefundenen Stücken bemerkthaben. Sie belieben nur die Annalen für nordische Alterthumskunde für 1836 37, pag. 7,Nr. 10/b und für 1842 1843 Tafel 8 Nr. 1 zu vergleichen, so werden Sie finden, dassdie dortigen Inschriften eine Ähnlichkeit mit denen auf Ihren Gefässen haben, ohne dass esganz die nämliche Schrift wäre.

«Der Sinn der nordischen auf kostbaren Schmucksachen eingekratzten Inschriften istgewöhnlich in so weit, als man sie lesen kann, nur ein Name mit dem Zusatzä wel-cher sagen will, dass dieser es hat, oder der Besitzer davon ist, eben so, wie man in spä-teren Zeiten und noch auf Sachen dieses, freilich auf eine andere Art, angibt. Es ist sehrviel in den letzteren Jahren hier, in Schweden und in England über Runen geschriebenund geforscht worden; einige der wichtigsten Schriften kennen Sie schon.

«Ich sehe z. B., dass Sie im Besitze von Liljegrens Runenlehre sind. Dieses ziem-lich unkritische Werk gibt einige Winke, die man aber nicht zu hoch anschlagen muss.

«(Durch die Bemühungen von mehreren tiefgelehrten Männern ist man so weit gekom-men, dass man gesehen hat, dass es alte Inschriften mit Runen gibt, die nicht wie die spä-tem von linker nach rechter Hand, sondern von rechter nach linker Hand gehen; ebensoist man in neuerer Zeit durch diese aufmerksam gemacht, dass sich vermuthlich aus densogenannten Zweig-Runen eine Art entwickelte, die theils als Zeichen, tlieils da gebrauchtwurden, wo man auf einen geringen Platz mehrere Wörter liinslellen wollte, welche manBinde-Runen nennt; das heisst, wo man durch ein oder mehrere kleine Zusätze mehrereBuchstaben mit einem Charakter ausdrückte. Es ist keinem Zweifel unterworfen, dass diesefür Namen und dergleichen lange fortbestand, und gewissermassen darin das war, was Mo-nogramme in anderen Ländern waren.

«In einer früheren Zeit kommen diese Binde-Runen in Inschriften vor, aber sowohldarin als in Namen ist es jetzt nicht immer leicht zu erratlien, welcher Charakter als dererste angesehen werden muss. Die Erklärung wird dadurch, wie Sie einselien werden,leicht willkürlich.

«Meiner Überzeugung nach sind die auf Ihren goldenen Gefässen eingekratzten Charak-tere nicht nordische Runen, sondern eine mit selbigen verwandte Schrift; vielleicht der ältereBruder von unsern und den sogenannten anglo-sächsischen Runen. Es ist merkwürdig zusehen, wie zwischen allen älteren occidentalisclien Schriftarten eine gewisse Verwandtschaft

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